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In Bed With Annie



Öffentliche Selbstdarstellung und Intimsphäre ist für Annie Sprinkle kein Widerspruch. Auch nicht bei unserem Gespräch: Annie Sprinkle und Dieter Jarzombek unter dem Deckbett, ich am Fussende, der Kassetten-Rekorder irgendwo im Federzeug versunken. Alle etwas flügellahm nach einem intensiven Tag «Wings of Joy».

Wie ist es zu eurem gemeinsamen Projekt «Wings of Joy» gekommen?

Annie: Dieter sah meine Performance im «Schmidt» in Hamburg. Nach der Vorstellung bin ich ihm vorgestellt worden. Dieter zog seine Halskette ab und gab sie mir. Ich sah in seine Augen – und das war wundervoll. Ein Freund hat mich danach einige Male zu Dieter mitgenommen. Es war jedes Mal etwas ganz Besonderes. Ich mag die Art, wie Dieter arbeitet. Er ist ein grosser Künstler. Er ist sehr kreativ. Ich weiss auch nicht, warum er gerade mich gefragt hat, mit ihm zusammenzuarbeiten. Aber jetzt, nachdem wir bereits zum dritten Mal gemeinsam einen Workshop geleitet haben, sehe ich, dass sich unsere Zusammenarbeit weiterentwickelt und dass wir uns gegenseitig auf eine ideale Art und Weise ergänzen.

Du hast während der Gruppe gesagt, dass du die Frau der unteren Chakren seist. Ist Dieter die Ergänzung dazu?

Annie: Ja, er geht den Weg des Herzens. Und dann ist da die tantrische Energie, die Dieter kreiert. Eine Energie, wie ich sie nicht oft erlebt habe. Ich nenne das tantrische Energie, tantrischen Sex.

Was ist Tantra für dich?

Annie: Tantra hat eine Menge mit dem Herzen zu tun. Es ist auch Sieben-Chakren-Sex. Ich mag das Wort, weil ich es nicht genau erklären kann, weil es so viele Bedeutungen hat, und diese sich immer wieder ändern.

Dieter: Ich würde nicht sagen, dass das, was ich mit Annie mache, Tantra ist. Es ist tantrisch. Tantra, wenn ich das richtig verstanden habe – ich habe nie einen Tantra-Workshop besucht –, ist eine Form, Menschen in Kontakt mit ihrer Sexualität zu bringen, die sie so normalerweise nicht leben. Mir geht es um etwas anderes. Es gibt nämlich keine Schule, in der Sexualität gelehrt wird, es gibt keine Lehrer und Lehrerinnen, die Sexualität lehren. Viele haben ein grosses Nachholbedürfnis, haben Fragen zum Thema Sexualität. Nur hört's da nicht auf. Manche Menschen brauchen es auch gezeigt bekommen. So gesehen ist für mich die Arbeit mit Annie eine phantastische Gelegenheit, das zu tun. Allerdings ist «Wings of Joy» keine Therapie und kein Workshop, kein Seminar. Obwohl das alles nicht getrennt werden kann. Es ist auch eine Performance, bei der Menschen einen Raum bekommen, sich wahrzunehmen, in der Sexualität wahrzunehmen, und ihre Erfahrungen auszudrücken. Wenn ich ein Wort dafür finden sollte, ist es ein «Lovers Training».

Annie: Ich war am Ersten Internationalen Tantra-Kongress. Und da wurde den Teilnehmern und Teilnehmerinnen einer Panel-Diskussion genau diese Frage gestellt: «Was ist Tantra?» Die Antworten waren sehr verschieden. Beispielsweise lehnen Penny Slinger und Nick Douglas, die «Das grosse Buch des Tantra» geschrieben haben, Sex zwischen Männern ab. Das sei kein Tantra, behaupten sie. Joe Kramer und ich dagegen sind vor allem an gleichgeschlechtlichen Kontakten interessiert. Auf der einen Seite gibt es die Traditionalisten und Traditionalistinnen und auf der anderen die Radikalen. Ich bin eine Radikale, eine Avantgarde-Tantrikerin.

In einem Interview mit dir habe ich gelesen, dass Tantra für dich Avantgarde-Sex sei.

Annie: Habe ich das gesagt? Nein, Tantra ist alt, sehr alt. Aber ich denke, dass es immer populärer wird. Und einiges hat sich verändert. Es gibt jetzt Vibratoren. Wie kann Tantra gleich geblieben sein, seit es Vibratoren gibt?! Und wie kann Tantra gleich geblieben sein, seit es Aids gibt?! Sperma spielt eine wichtige Rolle im klassischen Tantra. Wir müssen die Dinge der Zeit anpassen. Allerdings nehme ich für mich nicht in Anspruch, eine Tantra-Expertin zu sein.

Vielleicht reden wir im Zusammenhang mit deiner Arbeit einfach nur von Avantgarde-Sex.

Annie: Ja. Oder Kunst der Lust. Du kannst ein Sex-Künstler oder eine Sex-Künstlerin sein. Immer neue Dinge kreieren und ausprobieren. Das ist es, was ich zu machen versuche.

Gerade Aids hat das Verständnis von Sexualität grundlegend verändert. Die damit verbundenen existentiellen Erfahrungen von Leben, Lebensfreude und Lust einerseits und Krankheit und Tod andererseits haben zu einem neuen spirituellen Bewusstsein beigetragen.

Annie: Ja, in jüngster Zeit. Aber früher gab es die Syphilis, an der viele Menschen gestorben sind. So ganz neu ist die Sache mit Aids also auch wieder nicht.

Dieter: Es gibt das Bedürfnis der Menschen, etwas mehr über Sex zu wissen, sexuelle Erfahrungen zu machen, und so die Chance zu erhalten, einen sexuellen Reifeprozess durchleben oder nachleben, nachholen zu können. Das hat für mich noch nichts mit Spiritualität zu tun. Das ist etwas, was zur menschlichen Reife gehört. Zu einem vollständigen Menschen gehört eben auch seine sexuelle Identität, die er kennt und mit der er leben und umgehen kann. Und der spirituelle Aspekt ist etwas, was dann im zweiten Schritt erfolgt. Nämlich zu fragen: «Wes Geistes Kind bin ich? Wie vollzieht sich meine Sexualität? Und in welchem Kontext lebe ich diese Sexualität?». Es sind zwei sehr unterschiedliche Dinge, die aber dennoch miteinander zu tun haben. Man kann also sexuell schlichtweg die Sau rauslassen und trotzdem heilig sein.

Gerade dieser Punkt scheint dir in deiner Arbeit wichtig zu sein.

Dieter: Ja. Es gibt viele Menschen, die gehen ihren spirituellen Weg, wollen ihn auch beibehalten und wollen trotzdem ihre Sexualität erfahren und leben. Und das, ohne einen tantrisch-spirituellen Weg zu gehen.

Im Moment ist das Interesse an Tantra sehr gross...

Dieter: Nein. Nein, das bezweifle ich. Das Interesse am Sex ist gross. Und ich glaube, dass viele Menschen das Tantrische, das Heilige, das Spirituelle in Kauf nehmen, weil sie sich so dem Thema Sex etwas angstfreier nähern können. Es ist ein Weg. Ich will ihn nicht verurteilen.

Annie: Tantra ist ein Fetisch. Es ist eine bestimmte Art von Sex.

Warum interessiert ihr euch eigentlich so stark für Sex?

Dieter: Sexualität ist in allen gesellschaftlichen Bereichen präsent. Ob das in der Politik ist, ob das in der Religion ist, ob das in der Familie ist. Die Einstellung zur Sexualität und der Umgang mit ihr bestimmen unser Leben. Sexualität bedeutet für mich aber auch Lebendigkeit, Lebensenergie, Lebenskraft. Ich möchte Menschen mit dieser Lebenskraft und dieser Lebensenergie, mit ihrer Lust auch in Kontakt bringen und ihnen Wege zeigen, damit zu leben. Denn wenn sie diese Wege gefunden haben, wenn sie ihre Lust kennen, lassen sie sich nicht so leicht unterdrücken, manipulieren. Das ist der Grund, weshalb ich ein so grosses Interesse am Thema Sex habe. Sexualität ist ein machtvolles Instrument. Es ist ein genauso machtvolles Instrument wie Religion. Deswegen sicherlich auch das Interesse an Tantra, das zusätzlich religiöse oder spirituelle Aspekte ins Spiel bringt.

Annie: Früher wurde mir wenig Beachtung geschenkt. Das Thema brachte mich dazu, mehr zu reden. Nein im Ernst, Sex ist eine Kraft, eine Energie. Ich stimme allem zu, was Dieter gesagt hat. Dazu kommt, dass ich selber Erfahrungen mit möglichst verschiedenen Arten von Sex machen möchte. Und ich möchte sie weitergeben. Dabei geht es mir darum, dass ich Sex geniessen kann, und zwar die Art von Sex, die ich wirklich haben möchte.

Sehr viele Leute interessieren sich für Sex, kaufen Zeitschriften, Bücher und Videos oder besuchen Workshops wie «Wings of Joy». Trotzdem gehen sie völlig andere Wege als ihr.

Dieter: Wie gesagt. Wann immer Menschen zu mir kamen und mich als Therapeuten um Rat gefragt haben, konnte ich mit ihnen über Sexualität nur reden. Ihnen selbst zu zeigen, wie's geht, war völlig undenkbar. Ich hatte bestenfalls eine Geheim-Adresse, wo ich jemanden hinschicken konnte, oder ich konnte in die alte Kiste greifen, zur Prostituierten, aber das ist nicht das, was die brauchen. Finde eine gute Prostituierte, die Liebe und Sexualität miteinander verbindet! In der Zusammenarbeit mit Annie habe ich nun eine Möglichkeit, den Menschen ihre Fragen zu beantworten. Oder zumindest ihnen Wege zu zeigen, wie sie Antworten finden können.

Annie: Ich habe ein grosses Bedürfnis, die Leute zu lehren, weil ich selbst als Teenager stark darunter gelitten habe, keine Kenntnisse über Sex zu haben. Ich hatte zahlreiche Ängste. Das war schlimm für mich. Und als ich einige davon überwunden hatte, sah ich, dass andere Leute ebenfalls eine Menge Probleme haben. Wären diese gelöst, wären zahlreiche andere Probleme dieser Welt auch gelöst.

Ist das eine Idee, die auch hinter deinen Performances steht?

Annie: Die Idee hat sich stark verändert. Ich mache das jetzt rund drei Jahre. Nicht sehr häufig, vielleicht drei Mal jährlich. Im ersten Jahr machte ich die Performance, um herauszufinden, wer ich war, und die Wahrheit darüber zu sagen. Das zweite Jahr war dazu da, die Performance noch mehr Leuten zu zeigen, die sie wirklich sehen wollten. Und das dritte Jahr nun mache ich sie, um zu Geld für das nächste Projekt zu kommen. Ich würde übrigens gerne eine Show mit Dieter zusammen machen. Ich würde gerne eine Art tantrisches Theater inszenieren. Ganz abgesehen davon, dass es einfacher ist, eine Performance zu machen, als einen Workshop zu geben. Alle bezahlen ihre 20 Dollars, du machst deine Sache. Das Ganze passiert in ein paar Stunden. Und angenehm ist bei einer Show nicht zuletzt auch, dass du dich nicht wie bei einem Workshop ständig um alle kümmern musst.

Interview: Edi Goetschel



Erschienen in TANTRA Nr. 1, Januar 1994.

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