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Der Workshop «Wings of Joy» mit Annie Sprinkle und Dieter JarzombekNichts ist einfacher, als einen Orgasmus zu haben! Annie, heute Engel, Prinzessin oder Fee mit zerknittertem weissen Kleidchen und aus Draht zurechtgebogenem Heiligenschein oder Kränzchen, beginnt zu dozieren: «Eine Möglichkeit ist, sich auf den Boden zu legen und einfach nichts zu tun.» Sie legt sich auf den Parkettboden und macht es vor bzw. nichts. Wir schauen amüsiert zu, warten und schon durchrieselt Annie eine wohlige Schauer. Dieter versucht es. Es passiert nichts. Dann klappt's doch. Oder ist es nur gespielt? Zwei, drei, dann fast alle probieren es. Es funktioniert tatsächlich. Was im Gruppenraum passiert, würde jedem TV-Prediger Ehre machen. Mich zu wundern, habe ich allerdings schon bald verlernt. So selbstverständlich, so natürlich, so unschuldig passiert alles, fast alles in diesen fünf Tagen und Nächten. Ohne viel zeremonielles Brimborium, ohne Einstimmung durch fleissiges Meditieren oder Aufladen durch diese oder jene Atemtechnik oder irgendwelche Körperarbeit beginnt die Energie zu fliessen, öffnen sich der Geist und die Herzen, entstehen Nähe, Offenheit, Vertrauen. Es passiert einfach. Und es passiert schnell: «Wings of Joy» ist ein irrwitziger Trip durch die verschiedensten Szenarien, Rollen und Identitäten. Angeführt von einer schrägen Truppe, die das Ganze in erster Linie als Kunst, Performance, Entertainment versteht. Therapie als Show, bei der das Ensemble gleichzeitig ein ebenso dankbares wie kritisches Publikum ist Avantgarde oder Real-Satire? Ein Kapitel Tausendundeine Nacht, selbstverständlich mit Bauchtanz, und Lagerfeuer-Seligkeit, Nightclub-Ambiance und (Kinder-)Geburtstag mit Kuchen und Kerzen wechseln sich ab. Oder Dieter, der viel und gut und gern den Kaspar spielt, erscheint ganz in Weiss zum Sufi-Drehtanz, und Andrew, der Tanz-Profi aus Calgary, demonstriert, wie verführerisch, wie sinnlich Männer strippen könnten, wenn sie wollten und etwas dafür täten. Am letzten Abend zelebrieren wir sogar ein richtig tantrisches Ritual, zu dem sich die Frauen als strahlende Göttinnen oder Königinnen herausputzen. Und die Männer? Sie bleiben Männer. Ich laufe davon (ich kenne, mein Muster, aber darum geht es jetzt nicht...). Aber ich komme auch wieder zurück: Kulissenwechsel. Eine Domina in schwarzer Korsage fragt mich, ob ich sie kenne ich kann mich noch schwach an die Frau erinnern, die vieles, was wir gemacht haben, Pipifax gefunden hat. Annie schiesst Polas von einem Girl, das aus einem Dessous-Katalog gefallen sein könnte: «Mach deinen Mund ein wenig auf. Sehr gut. Die Beine auseinander. Ja, das ist Porno!» Wir Männer verfolgen den Late-Night-Spuk und den Spass der Frauen daran verwirrt und ziemlich überflüssig. Als Frau aufzutreten und mich zu fühlen gleich am ersten Tag haben wir die Rollen getauscht , ist mir wesentlich leichter gefallen, als nun einen Mann zu verkörpern. Vielleicht, weil gerade in einer Situation wie dieser Männer nichts taugen. Vielleicht auch, weil es eine Schwachstelle von «Wings of Joy» ist, dass Dieters Angebot für die Männer nicht mit demjenigen von Annie für die Frauen Schritt halten kann. Vielleicht. Denn Schmollen bringt nichts. Die Welt der Frauen und die Welt der Männer sind mitunter zwei sehr verschiedene Welten, zwei Systeme, die nicht miteinander kompatibel sind. Sich dessen einmal mehr bewusst zu werden, ermöglicht es erst, sich Frauen wie Männern wirklich zu begegnen. Einmal abgesehen davon, dass es sowieso nicht nur die zwei Geschlechter gibt, in die wir die Menschheit der Einfachheit halber aufteilen. Mit Berufung auf die Genetik, hatte Annie aufgezählt: XX, XY, X0, XYY... Edi Goetschel Erschienen in TANTRA Nr. 1, Januar 1994. © Alle Rechte der Texte und Bilder liegen beim Herausgeberverein YABYUM, Zürich, und den Autoren und Autorinnen. |
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