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Aleister Crowley Sex, Drugs and MagickEr nannte sich Frater Perdurabo, Meister Therion, das Tier 666, Rev. C. Verey, Gerard Aumont, Ko Yuen und Mahatma Guru Sri Paramahamsa Shivaj: Aleister Crowley. Er war Schriftsteller, Maler und Bergsteiger. Und Magier mit Spezialgebiet Sexualmagie. Ihr verdankt er es, dass er zum bekanntesten und zum umstrittensten Okkultisten des 20. Jahrhunderts geworden ist. Werner Stephan zeichnet seinen Werdegang nach. Es war im Sommer des Jahres 1975, als ich mich anschickte, in einem kühlen Seminarraum an der Birchstrasse in Zürich-Oerlikon einen Vortrag vor etwa 30 Zuhörern zu halten mit dem Thema «Psychologie heute». Dazu eingeladen wurde ich von der Psychosophischen Gesellschaft, die in einer Reihe allmonatlich eine Veranstaltung zu Themen aus dem Geistesleben der heutigen Menschheit anbot. Ich hatte bereits einige der vorherigen Abende besucht und schätzte die Offenheit und lebendige Art der Organisatoren und Teilnehmer. Noch wusste ich kaum etwas von Aleister Crowley, dem Golden Dawn, dem O.T.O. oder der Illuminaten-Vereinigung, aber da und dort fielen diese Begriffe in der Diskussion oder in der Pause und weckten meine Neugierde. Bald merkte ich, dass die Psychosophische Gesellschaft die äussere Organisationsform eines «Inneren Ordens der Illuminaten, Templer der Neuen Zeit und Gnostiker in unseren Tagen» war, deren Hauptsitz Thelema sich in Stein im Kanton Appenzell-Ausserrhoden befand. Bei verschiedenen Besuchen in dieser Abtei lernte ich die Gastgeber näher kennen, besuchte gelegentlich die sonntägliche «Gnostische Messe» und erhielt die Erlaubnis zum Besuch des «Tempels», einer Mischung von Museum, Ausstellungsraum und magischem Zeremonien-Ort. Er war aufgebaut nach den traditionellen Anleitungen: vom Vorhof aus zwischen einer hellen und einer dunklen Säule durchschreitend gelangte man in einen grossen holzverkleidetenen Innenraum, rechts und links gesäumt von Dutzenden von Vitrinen und Schubladenfächern, in welchen zum Teil wertvolle Erbstücke und Dokumente aus vergangenen Tagen lagerten. Drei Stufen führten zu einem erhöhten Altar vor einem grossen Aussichtsfenster, umgeben von Symbolfahnen und Zeremonialgegenständen. Meine Gastgeber beriefen sich vor allem auf die Gründer des O.T.O. (Ordo Templi Orientis) Carl Kellner (18501905) und Theodor Reuss (18551923). In der «Oriflamme» Nr. 95 vom September 1969 beispielsweise, herausgegeben von der Psychosophischen Gesellschaft, werden allerdings nicht nur die Angebote und Ziele der Abtei ausführlich beschrieben, sondern auch in den Zusammenhang gestellt mit dem O.T.O. sowie mit Crowleys Abtei Thelema in Cefalù, Sizilien. Geboren wurde Aleister Crowley am 12. Oktober 1875 in Leamington Spa in der englischen Grafschaft Warwickshire. Sein Vater war als Bierbrauer zu Reichtum und Ansehen gelangt und war Prediger der Plymouth Brethren. Die engstirnige Moral dieser christlichen Sekte prägte entscheidend die Kindheit Crowleys. Meines Erachtens gibt es alte und junge Seelen. Vor dem Hintergrund der Reinkarnation betrachtet, bringen alte Seelen eine starke geistige Vorprägung mit, die allerdings auch unbewusst bleiben kann. Crowley war eine solche Seele, und sie ging schwanger mit altem Einweihungswissen, das an die Oberfläche drängte. Suche nach der Weissen Bruderschaft Es dauerte jedoch bis 1898, als er 23 Jahre alt wurde, bis Crowley durch Arthur Edward Waite (18571940), Mitglied des Golden Dawn und Schöpfer des unter seinem Namen bekannten Tarot, auf das Buch «Die Wolke über dem Heiligtum» von Karl von Eckartshausen aufmerksam gemacht wurde. Darin wird eine alte und geheime Bruderschaft des Lichts beschrieben, deren Mitglieder über das Wohl der Menschheit wachen und über immenses okkultes Wissen verfügen (in den Lehren der Theosophie taucht diese Weisse Bruderschaft ebenfalls auf). Von diesem Zeitpunkt an gab es für Aleister Crowley nur noch ein Ziel: Mitglied dieser geheimen Weissen Bruderschaft zu werden. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann in England eine Renaissance verschiedener freimaurerisch und rosenkreuzerisch geprägter Geheimgesellschaften, darunter auch die SRiA (Societas Rosicruciana in Anglia). Drei Mitglieder, der Arzt Dr. William W. Westcott (18481925), Samuel MacGregor Mathers (18561918) und Dr. William Robert Woodman (18281891) beschlossen, aufgrund eines 1887 zufällig gefundenen, geheimnisvollen alten Rosenkreuzer-Manuskriptes eine neue Organisation, den Golden Dawn (Goldene Morgendämmerung), ins Leben zu rufen und die alten Rosenkreuzer-Rituale wieder zu beleben. Am 1. März 1888 gründeten sie den ersten Tempel dieses Ordens in London. Mathers übersiedelte nach Paris und gründete dort 1894 einen weiteren Tempel. Innert kurzer Zeit gewann der Orden grosses Ansehen und zählte viele bekannte Persönlichkeiten zu seinen Mitgliedern, wie etwa die Esoterikerin und Roman-Autorin Dion Fortune («Die mystische Kabbalah», «Selbstverteidigung mit PSI»), die Schriftsteller Algernon Blackwood («Besuch von drüben»), Bram Stoker («Dracula»), der Dichter und spätere Nobelpreisträger William Butler Yeats, die Schauspielerin, Literaturkritikerin und Geliebte von Bernard Shaw Florence Farr, Constance Wilde, die Frau von Oscar Wilde, und die irische Freiheitskämpferin Maud Gonne. Der Orden umfasste zehn Einweihungsgrade und folgte in seinem Aufbau den zehn Sphären (Sephiroth) des kabbalistischen Lebensbaumes. Das Studium des Tarot war ein Bestandteil der Ausbildung wie auch die Herstellung und der praktische Gebrauch von magischen Zeremonialgegenständen. Mit jeder Initiation in die nächste Stufe musste ein Schweigegelübde abgelegt werden. Erst ab dem fünften Grad wurde den Mitgliedern offenbart, dass die letzten Grade der Sexualmagie vorbehalten sind das streng gehütete Geheimnis des Golden Dawn. Idee der Sexualmagie war, dass die Wurzel aller magischen Arbeit in der Kraft der Sexualität liege und mit ihrer Hilfe sich alle vorher erworbenen magischen Fähigkeiten um ein Vielfaches vermehren lassen. Praktisch lehnte sie sich an die Karezza-Methode von Thomas Lake Harris (18231906) an: ein langes bewegungs- und ejakulationsloses Verweilen des Penis in der Vagina, während sich die beiden Partner gleichsam ihrer irdischen Persönlichkeit entäussern und sich, unterstützt durch bestimmte Atemtechniken, mit Göttern, anderen magischen Wesen oder bestimmten Zielvorstellungen identifizieren. Intensivschulung in Magie Crowley wurde 1898 durch Waite und den Chemiker George Cecil Jones in den Golden Dawn eingeführt, den er fälschlicherweise mit der hohen Weissen Bruderschaft identifizierte. Dort lernte er auch Allan Bennett (18721923) kennen, bereits seit mehreren Jahren Mitglied, nahm ihn bei sich zu Hause auf und erhielt durch ihn eine Einführung in die Grundlagen der Magie. Bereits im Mai 1899 erreichte Crowley dank intensiver Schulung den vierten Einweihungsgrad. Als Crowley, dessen unkonventionelle Art und sexuelle Freizügigkeit bereits viele Mitglieder aufgebracht hatte, im Januar 1900 um die wichtige fünfte Initiation nachsuchte, weigerten sich die leitenden Mitglieder in London, dies zu gewähren. Kurzentschlossen reiste er nach Paris zu Mathers und erhielt von ihm persönlich diese fünfte Einweihung. Dies erboste die Londoner-Mitglieder, und es kam zur offenen Konfrontation und Absetzung Mathers. Dieser sandte darauf Crowley nach London und liess ihn die Ordensräume besetzen mit der Auflage, dass nur noch jene als Mitglieder des Golden Dawn angesehen würden, die ein Treuegelübde gegenüber ihm, Mathers, ablegen würden. Die Polizei machte diesem Trauerspiel ein rasches Ende, die Justiz entschied zugunsten der Londoner-Mitglieder und Crowley entschloss sich, auf eine längere Weltreise nach Nord- und Südamerika, Japan, Honolulu und China zu gehen. Das Kapitel Golden Dawn war für ihn beendet, die magischen Studien und Experimente führte er aber selbständig weiter. Es scheint so, als sei von Anbeginn an «der Wurm» in dieser Geheimgesellschaft gewesen. Dies begann damit, dass sich zwischen Westcott und Mathers Rivalität um den Führungsanspruch entwickelte. Und bald einmal wurde auch gemunkelt, die alten Manuskripte seien eine Fälschung. Zudem gab es Differenzen über die Anwendung der sexualmagischen Praktiken. Mathers hatte ausserdem einen barschen und streng hierarchisch orientierten Führungsstil, der vielen Mitgliedern nicht behagte. Crowleys Erscheinen hatte alle latenten Konflikte unter den Mitgliedern an die Oberfläche gebracht, und die Meinungen hatten sich polarisiert. Es bildeten sich verschiedene Untergruppen und Aufsplitterungen mit neuen Rivalitäten und «Wahrheitsansprüchen». Wenn sich die Grosse Weisse Bruderschaft tatsächlich einmal um den Golden Dawn gekümmert haben sollte, nach 1900 zogen sich die höheren Kräfte endgültig von dieser Organisation zurück. Wiedersehen in Burma 1902 traf Crowley in Burma seinen alten Freund Bennett wieder. Dieser litt wie Crowley an schwerem Asthma Bronchiale und benützte in seiner Londoner Zeit zur Linderung der Symptome Medikamente wie Morphium, Kokain und Opium. Crowley lernte diese als Medikamente verschriebenen Drogen kennen, doch verwendete er sie nicht nur zur Linderung körperlicher Leiden, sondern benutzte auch die typischen «Nebenwirkungen» der Bewusstseinsveränderungen und Energietransformationen für seine magischen Operationen und Evokationen. Wie lange es dauerte, bis er süchtig war, ist schwer zu sagen. Jedenfalls machte Crowley im Jahre 1922 eine selbstverordnete Entziehungskur, die allerdings nur mässig erfolgreich war. Auch wenn die Drogen zu Beginn eine gewisse Hilfe gewesen sein mochten, nach 1934 begann sich die negative Wirkung immer stärker bemerkbar zu machen und mag einer der Gründe dafür gewesen sein, dass Crowley sozial abstieg und finanziell verarmte. Anders erging es Bennett. Dieser ging um 1900 in das wärmere Klima nach Ceylon (heute Sri Lanka), wandte sich ganz dem Buddhismus zu und spielte als Ananda Metteya eine nicht unwesentliche Rolle in der Verbreitung der buddhistischen Bewegung in Ceylon und Burma. In Asien heilte sein Asthma und er kam von den Drogen los. «Tu, was du willst» Im August 1903 heiratete Crowley aus einer Laune heraus Rose Kelley. Beinahe schien es, dass er ein «normales» Leben mit Frau und Kindern beginnen und die magische Zeit in den Hintergrund treten würde, als ihn im März 1904 in Kairo das Schicksal einholte. Zum Amüsement seiner Frau Rose wollte er ihr im Hotelzimmer einmal Sylphen zeigen und begann mit magischen Anrufungen. Rose sah zwar keine Sylphen, doch plötzlich rief sie: «Sie warten auf Dich!», und sie beschrieb ihm den Gott Horus. Sie führte ihn ins Boulak-Museum vor eine Stele des Gottes mit der Ausstellungsnummer 666! Crowley war tief berührt von diesem «Zufall», hatte doch sein Name die kabbalistische Summe 666, die Zahl des Tieres aus dem Abgrund, das Gott schmäht. In den folgenden Tagen liess er die Inschrift der Stele kopieren und übersetzen. Am 7. April 1904 kam eine weitere Mitteilung von einem Aiwass als Botschafter des Horus durch Rose, in welcher Crowley aufgefordert wurde, an den nächsten drei aufeinanderfolgenden Tagen zwischen 12 und 13 Uhr alles aufzuschreiben, was er hören werde. Crowley gehorchte, und so diktierte ihm eine Stimme das berühmt-berüchtigte Buch «Liber AL vel Legis», das «Buch des Gesetzes des neuen Äons». Die bekannteste Zeile daraus: «Tu, was du willst, sei das ganze Gesetz.» Es ist viel darüber geschrieben worden, dass dieses «Tu, was du willst» nicht dasselbe meint wie «Mach, was dir immer gerade Spass macht», sondern vielmehr bedeutet, zuerst den höheren, magischen Willen zu erkennen, der in Übereinstimmung mit den göttlichen Gesetzen waltet, um diesen dann im Leben kraftvoll zum Ausdruck zu bringen. Es ist dieser zielgerichtete und planvolle Wille, den das griechische Wort «Thelema» ausdrückt. Das sonderbare «Liber AL vel Legis» kennt seine ehrfurchtsvollen Bewunderer genauso wie seine fanatischen Gegner. Befürworter betonen im allgemeinen, dass es die Kritiker einfach nicht richtig verstehen würden, da das «wirkliche Wissen» verschlüsselt oder hinter Symbolen verborgen sei. Trotz allem bleibt es ein äusserst problematisches Werk. Wenn auch Aiwass als ein astrales Wesen aus einer höheren Sphäre angesehen werden kann, fehlt es seiner Botschaft an wirklich spirituellem Gehalt. So offenbart sich Aiwass etwa im Buch II, Vers 22, als Botschafter der «Schlange Kundalini»: «Ich bin die Schlange, die Wissen und Wonne verschenkt... Mich zu verehren nehmt Wein und seltene Gifte... und berauscht euch daran.» Und in Vers 26: «Ich bin die geheime Schlange, zum Sprunge bereit gerollt; in meinen Windungen liegt Freude...» Wer die Schlange Kundalini aber entrollt ohne den Segen und kontrollierenden Einfluss aus den spirituellen Welten, ist dem Untergang geweiht. Mir scheint die Quelle dieser Botschaften weniger ein neues, sondern eher ein längst vergangenes Zeitalter beschwören zu wollen. Für Crowley waren diese drei Tage eine echte Offenbarung, ein «Gipfelerlebnis», und für den Rest seines Lebens widmete er sich der Aufgabe, die in diesem Buche niedergelegten Gedanken zu enträtseln und in Rede und Schrift zu verbreiten (nicht unähnlich der Seth-Geschichte von Jane Roberts). Allerdings dauerte es noch rund fünf Jahre, bis er sich dieser Aufgabe wirklich zuwandte, und eine Zeitlang verschwand das Manuskript sogar, bis er es 1909 zufällig auf dem Dachboden seines Hauses Boleskine in Schottland wiederfand. Ordo Templi Orientis In diese Zeit fällt auch Crowleys Aktivität im Zusammenhang mit dem O.T.O., dem Ordo Templi Orientis oder Orientalischen Templer-Orden. Auf dessen Geschichte und die Persönlichkeiten der beiden Gründer Carl Kellner (18501905) und Theodor Reuss (18551923) kann hier aus Platzgründen nicht ausführlich genug eingegangen werden. Doch wie schon dargestellt, entwickelte sich um die Jahrhundertwende ein regelrechter Filz von spiritistischen Zirkeln, Geheimgesellschaften, Rosenkreuzern, Theosophen und Freimaurern. Carl Kellner gründete den O.T.O. im Jahre 1902 als eine Art «Kristallisationspunkt» und inneren Orden, der gleichsam ein «Sammelorden» für alle anderen Gruppierungen sein sollte. Aber erst nach Kellners Tod, als Theodor Reuss die Leitung übernahm, begann der O.T.O. in der Öffentlichkeit bekannt zu werden. Reuss war Hochgradmaurer und ebenfalls Mitglied der SRiA, kannte Westcott und erhielt von ihm verschiedene Ermächtigungen und Patente. Mitglieder des O.T.O. waren neben vielen weiteren bekannten Persönlichkeiten Gérard Encausse mit dem Pseudonym Papus, Mitbegründer der Theosophie und Schüler von Eliphas Levi, der Rosenkreuzer Max Heindel sowie Rudolf Steiner, bevor er sich ganz auf seine eigene Anthroposophie ausrichtete. Das Logensystem gleicht über weite Teile demjenigen des Golden Dawn. Auch hier waren die höheren Grade der Sexualmagie vorbehalten, allerdings bereits viel differenzierter und effektiver ausgearbeitet. Die Rituale sind heute von verschiedenen Autoren weitgehend veröffentlicht worden. Wegen dieser Rituale wie auch wegen der Tatsache, dass Frauen ebenso Mitglieder werden konnten wie Männer, lehnten die Freimaurerei wie auch andere Gruppierungen die Zusammenarbeit mit Reuss und dem O.T.O. vehement ab. Logen des O.T.O. existieren noch heute in vier Hauptzweigen in Deutschland, der Schweiz, England und Kalifornien. Die Schweizer Linie arbeitet nicht mehr öffentlich, während sich die aktivste Loge in Kalifornien befindet und verschiedene Weiterentwicklungen erfuhr wie zum Beispiel im geheimnisvollen O.T.A. (Ordo Templi Astarte). 1907 hatte sich Crowley daran gemacht, einen eigenen Orden zu schaffen, den A.·. A.·. (Astrum Argentum oder Orden vom Silbergestirn), zu dessen Gründung ihn die «Weisen Oberen» anlässlich seiner magischen Rituale ermächtigten. Er veröffentlichte, meist auf eigene Kosten, das Periodikum «The Equinox» sowie eine Reihe weiterer Werke, in welchen er neben seinen dichterischen Arbeiten auch verschiedene Rituale und magische Zeremonien publizierte. Magischer Stab und Mystische Rose Obwohl Crowleys Sexualität in jungen Jahren stets leidenschaftlich und überschäumend war, obwohl ihm bis zu einem gewissen Grade eine Verbindung von Sexualität und Magie bereits im Golden Dawn klar geworden ist, dauerte es erstaunlich lange, bis er endgültig begriff, wie Sexualmagie funktioniert und auf welche Weise verschlüsselt die Sexualgeheimnisse in den Ritualen der Geheimgesellschaften auftauchten. Wann Crowley zum O.T.O. gestossen ist, lässt sich nicht mehr genau feststellen. Doch eines Abends im Jahre 1912 besuchte der schnauzbärtige und mit Monokel bewehrte Theodor Reuss Crowley in London und beschuldigte ihn, die innersten Geheimnisse des O.T.O. öffentlich bekannt gemacht zu haben. Crowley antwortete darauf gelassen, dass er, da er nur zu den unteren Graden zugelassen war, noch nicht im Besitz dieser Geheimnisse sei und sie daher auch nicht öffentlich verkündet haben könne. Daraufhin griff sich Reuss Crowleys «Liber CCCXXXIII: Buch der Lügen» aus dessen Bücherregal und zeigte auf eine Passage, welche mit den Worten beginnt: «Lass den Adepten gerüstet sein mit seinem Magischen Stab und wohl versehen mit seiner Mystischen Rose...» Stab und Rose für Phallus und Vagina! Blitzartig erkannte Crowley die Funktionsweise des sexualmagischen Systems des O.T.O. Nach einer langen, durchdiskutierten Nacht, in welcher sich die beiden so artverwandten Männer näherkamen, ernannte Reuss Crowley zum Leiter der britischen Sektion des O.T.O. In der Folge erhielt Crowley die gesamten Instruktionsmanuskripte des Ordens. Bis 1920 folgten einige wilde Jahre, in welchen Crowley seine magische Ausbildung vervollständigte und die Lehren des O.T.O. mit seinem A.·.A.·. wie auch mit den Lehren aus dem «Liber AL vel Legis» zu seinem eigenen System verband. Nicht unerwähnt bleiben soll sein dichterisches Schaffen, über dessen Qualität man allerdings geteilter Meinung sein darf. 1911 wurde seine Frau Rose, inzwischen dem Alkohol verfallen, für geisteskrank erklärt, und Crowley liess sich bald darauf scheiden. Er selbst jedoch war auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen und führte ein ausschweifendes und bewegtes Leben. In privaten Räumen veranstaltete er beispielsweise eleusinische Mysterien mit erotischem Grundton. Er war der Mann mit den tausend Masken, viel auf Reisen, jedoch stets auf der Suche nach Geld und neuen Schülern. Durch Indiskretionen und Eifersüchteleien gab es mehrere Skandale, die indes auch seine Bekanntheit förderten (Bhagwan lässt grüssen!). Doch Karl Frick, Autor des umfangreichen Werks über Geheimbünde und Okkultismus «Die Erleuchteten, Satan und Satanismus», sagt richtig: «In unserer heutigen Pornoszenerie, die jede Intimsphäre vernichtet hat, würden jene harmlosen Sexspiele... nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen. Doch in jenen Jahren schockierten derartige 'unzüchtige' Handlungen eine ganze Gesellschaft.» Thelema in Cefalù Crowleys Schicksal, dem er nicht entrinnen konnte und nicht wollte, waren die Frauen. Sein Leben lang suchte er nach seiner «Frau in Scharlach», der heiligen Hure Babalon, der perfekten Shakti für seine sexualmagischen Operationen. Mit ihrer Hilfe gewann er den Himmel, mit ihrer Hilfe stürzte er aber auch immer wieder in die Hölle. Die Suche nach seiner Hohepriesterin des Herzens gipfelte in seinen Auseinandersetzungen mit Leah Hirsig und Ninette Shumway. Leah, die er in New York kennenlernte, wurde 1919 seine erste «Frau in Scharlach». Ein Jahr später Leah war inzwischen schwanger befragte Crowley das I Ging, wo er seine Vision eines neuen Ashrams, die Abbey Thelema, Wirklichkeit werden lassen sollte, und es wies auf Cefalù in Sizilien. Er beschloss, mit Leah dorthin zu ziehen, und 1920 machten sie sich auf nach Europa. Begleitet wurden sie von einem Kindermädchen namens Ninette, welche Leah auf der Überfahrt zufällig kennengelernt hatte. Mit dem letzten geringen Vermögen Crowleys erstanden sie eine ärmliche Villa am Meer inmitten eines Olivenhains in der Nähe von Cefalù und begannen, die hohe Vision einer Weissen Bruderschaft zu realisieren, deren Hauptquartier die Abtei Thelema sein sollte. Das Wort «Thelema» und die grundlegende Idee entstammen zwei Romanen des Arztes und Mönchs François Rabelais, der Anfang des 16. Jahrhunderts lebte. In diesen Romanen schildert er ein von Männern und Frauen gemeinsam geführtes freiheitliches Klosterleben gemäss dem Grundsatz: «Tu, was du willst.» Dieses freiheitliche Leben nach dem Vorbild libertinistischer Gnostiker des Mittelalters bewegte auch andere Gemüter, doch Crowley nahm als erster diese Vision zum Anlass, sie mit Hilfe seiner beiden Frauen konkret in die Tat umzusetzen. So hochgesteckt und edel seine Ziele waren, so intensiv seine sexualmagischen Zeremonien auch waren, so ärmlich und chaotisch verlief das äussere Leben. Nicht nur, dass sich die beiden Frauen die heftigsten nur möglichen Eifersuchtskämpfe lieferten, auch die Schüler blieben aus und die Skandale mehrten sich. In den Augen der Dorfbewohner war Crowley ein Ungeheuer, und man munkelte von Teufelsorgien und nackt durchgeführten Ritualen. Anfang des Jahres 1923 wurde Crowley von Mussolini ausgewiesen. Ohne Crowleys Anwesenheit zerfiel die Gemeinschaft bald, und zurück blieb nur noch Ninette. Leah blieb Crowley noch bis in die 30er Jahre treu ergeben, obwohl er sie immer wieder verliess. Crowley selbst machte sich auf seinen letzten, ruhelosen Lebensabschnitt mit wechselnden «Frauen in Scharlach», immer bemüht, sein Opus Magnum, sein grosses Werk, zu vollenden. Doch auf eine seltsame Weise war Crowley unfähig, sein Herz wirklich zu öffnen. Ähnlich wie er seinerzeit Rose aus einer Laune heraus geheiratet hatte, heiratete er 1929 eine weitere «Frau in Scharlach», Maria Teresa Ferrari de Miramar: In den Wirren der Vorkriegszeit hatte sie kein Visum nach England bekommen, was ihr durch die Heirat ermöglicht wurde. Dies hielt ihn jedoch nicht im geringsten davon ab, weitere «Frauen in Scharlach» für seine sexualmagischen Operationen zu erobern. Ebenfalls 1929 erschien Crowleys zweites Hauptwerk: «Magick in Theory and Practice». «Magick» wird darin definiert als eine Technik der Unterwerfung der Natur unter den eigenen Willen mit Hilfe verschiedener Techniken und Rituale. Diese Rituale basieren weitgehend auf dem Material des Golden Dawn und O.T.O., sind jedoch geprägt durch die spezifischen Crowleyschen Erfahrungen, speziell mit sexualmagischen Operationen. Eng darin verflochten stets sein «Tu, was du willst». Crowley starb am 1. Dezember 1947 an Herzschwäche und Bronchitis, nicht direkt an Drogen, obwohl er zum Schluss eine tägliche Menge an Heroin zu sich nahm, die mehrere andere Menschen gleichzeitig umgebracht hätte. Seine kraftvolle und effektive Sexualmagie hatte ihm trotz allem ein hohes Alter beschert, aber sie hat ihn auch dämonisiert Magier der Magier Crowleys Leben und Werk sind für einen unvoreingenommenen und kritischen Forscher im Bereich des Okkulten ein faszinierendes Beispiel für die Suche nach Wahrheit und Erleuchtung mittels der Kraft der Sexualität, der Kämpfe und Auseinandersetzungen mit höheren Dimensionen genauso wie für den (sexual-)magischen Umgang mit Höllenwelten. Und seine tausend Kämpfe gegen Heroin und Kokain und die selbstverordneten «Entziehungskuren» geben einen tiefen Einblick in die Qual eines solchen Geschehens und gehörten deshalb zum Pflichtstoff eines jeden Drogenberaters. Sein Leben ist aber auch ein Beispiel für das Scheitern einer magischen Karriere aufgrund von Sucht und Egoismus, für das Scheitern im sozialen Leben aufgrund der Verleugnung eigener Schattenkräfte und mangelnder Selbstdisziplin und für das Scheitern in partnerschaftlichen Angelegenheiten aufgrund des Mangels an Herzensliebe und echtem Mitgefühl. Mit anderen Worten: Sein Herz-Chakra blieb geschlossen, und so entzogen sich ihm die wahren Mysterien der partnerschaftlichen Liebe. Darin unterscheidet sich sein magisches System auch von den wirklichen tantrischen Lehren und bleibt der alten Sexualmagie des Abendlandes verhaftet: der Sexualmagie, welche die Frau nur als passives Instrument und Medium der männlichen Absichten benützt. Mein Lehrer, der Magier und Schamane Harley Swift Deer, Mitglied des «Deer Tribe» der in einem Interview mit Frater V.·.D.·. Crowley als «Magier der Magier» bezeichnete und behauptete, er besitze wahrscheinlich eine der besten Crowley-Bibliotheken lehrte mich, dass es verschiedene Formen des Lernens gibt. Und das ist sein Rat: 1. Sei zuerst einmal gewillt, so viele Fehler zu machen, wie nötig sind, damit du lernen und wachsen kannst. 2. Dann lerne aus diesen Fehlern. 3. Dann lerne auch von den Fehlern, die andere machen. 4. Dann lerne auch von den Fehlern, die deine Lehrer oder Gurus machen. 5. Und dann lerne schlussendlich auch noch, ohne Fehler zu machen. Crowley selbst hat dieses System kaum gekannt, doch ist, wie die vierte Stufe des Lernens sagt, einiges von ihm, von seinen Fehlern zu lernen. Denn Crowley war trotz allem ein wahrer Magier, seine Vision einer besseren Menschheit (Thelema) ist noch heute aktuell, sein okkultes Wissen war immens und seine tausend Masken waren fast perfekt. Er war ein Energie-Tänzer und Trickster, den selbst seine Schüler kaum richtig erkannten. In ihm fokussierte sich ein grosses magisches Potential. Und das Wichtigste: Er spielte nicht mit der Magie, wie dies viele Leute damals wie heute tun, sondern gab sich seinem Opus Magnum völlig hin. Nicht nur mit Haut und Haaren, sondern mit seiner ganzen Seele. Erschienen in TANTRA Nr. 2, Juli 1994. © Alle Rechte der Texte und Bilder liegen beim Herausgeberverein YABYUM, Zürich, und den Autoren und Autorinnen. |
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