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Die Welt als LiebesspielDie Heilkräfte von Quellen werden seit jeher geschätzt. Mehr noch: Der Jungbrunnen mit Wassern, «die sich ewig erneuern und verjüngen», vermag ewige Jugend zu schenken. Badekultur meint seit jeher aber auch Badelust. Selbst die dunkelsten Zeiten, die das Abendland kennt, überlebte das freie Badeleben. Von Sergius Golowin Für die uralten Mythen wird die Welt aus einem gewaltigen Liebesspiel. Energien der Sternenwelt, «die Kräfte des Himmels», verbinden sich mit den «irdischen Stoffen». Der Kreislauf des Daseins entsteht, der (für uns) kein Ende besitzt. Eine wunderbare Naturgeschichte des Volkes entsteht, die einerseits keine Grenze zur Märchenphantasie hat, anderseits voll Ahnung ist, die mit der allermodernsten Erkenntnis übereinstimmt. Dafür hier nur ein Zitat aus dem erhaltenen Werk des Geschichtenerzählers, Chronisten und Astrologen Hans Rudolf Grimm (1665-1749): «Die Berge sind rechte Urquellen der Flüsse, denn sie gehen tief in die Erde und in die Wasser-Adern. Denn so haben die Wasser auch ihre Zweige und Äste und einen verborgenen Samen. Und so haben die Berge und die Wasser auch eine Vereinigung mit dem Gestirn, denn so werden die Berge verglichen mit einem Brenn-Hafen, darunter das Feuer ist, welches das Wasser in die Höhe treiben tut welches hernach eben zu den Bergen herausgeschwitzt wird, und einen Fluss verursachen tut.» Die Berge sind für die alten «Natur-Kundigen» das wunderbare alchimistische Labor, die «Küche» des Schöpfers. Wie in einem Destilliergerät (Brenn-Hafen) werden, durch die Hitze in der Erdtiefe, die in den unterirdischen «Adern» oder «Ästen» strömenden Wasser in die Höhe getrieben. Sie vermischen sich dabei mit den Einflüssen, die von den Metallen und edeln Gesteinen ausgehen. Wenn sie nun dank den Quellen aus dem Boden kommen, um in die Tiefe der Täler zu strömen, sind sie erfüllt von wunderbaren Eigenschaften. Diese Energien verglich man nun seit jeher, wie wir es soeben sahen, mit den Lebenskräften, die von Frühling bis Herbst durch alle Gewächse fliessen. Der grosse Bade-Arzt Paracelsus (1493-1541) versicherte zum Beispiel von den Wassern Pfäfers-Ragaz, dass ihre für uns gute Eigenschaft jedes Jahr «mit den Kräutern wachse und sterbe mit ihnen ab». In einer Legende aus Graubünden schenkt in diesem Land die Göttin den Einheimischen wunderbar-warme Quellen: «Die Gegenden, über welche Flora mit ihrem taubenbespannten Wagen fuhr, prangen noch heute in den seltsamsten und heilsamsten Alpenpflanzen.» Die Alchimie der Wasser Man muss sich nicht verwundern, wenn hier in der Alpensage der Name einer antiken Göttin auftaucht. Die Tatsache, dass am Ende des klassischen Altertums die Gebirgsländer wegen ihren wunderbaren Wassern geliebt wurden, hat zu allen späteren Zeiten das Badeleben angefeuert. Ernst Ludwig Rocholz schrieb 1856 dank dem Zeugnis der einheimischen Geschichtenerzähler über das Städtchen Baden: «Freilich, wenn man euch Kalendermachern und Zeitungsschreibern glauben müsste, ... da wäre mein Land hier alles römisch...» Doch wenn man der Sage glaubt, ist das Vertrauen in die Wasser, «die sich ewig erneuern und verjüngen», älter als die Römer und die andern grossen Völker des Altertums, deren Namen wir heute kennen. Der Basler Arzt Pantaleon (1522-1595) versichert, wohl die allgemeine Überlieferung benutzend, das «meist alle andern Wildbäder, so in Einöden gelegen, durch Hirten und Jäger gefunden wurden». Die Sage stellte sich diese «Hirten und Jäger» meistens als ein besonderes Volk vor, das man noch heute etwa «Wilde Leute» und ähnlich nennt. Solche «Urmenschen» erschienen den späteren Einwanderern, wie ich gerade letzthin wieder in Ragaz vernahm, stets «munter und frisch», anscheinend nie schwach, müde, kränklich: «Das Volk staunte, wie diese Leute auch im Alter gleich an Lebenskraft blieben, wie in der Jugend.» Aus dem Geheimnis dieser Bergstämme sei die Sage vom Jungbrunnen entstanden, «der seit Beginn der Schöpfung in den Alpen sprudle». Alte Menschen, Frauen und Männer, «die sich noch immer lieben», ziehen los, das Geheimnis gemeinsam zu suchen. Finden sie dann, vielfach dank dem Rat «eines aus dem Volk der Wilden Leute», die richtige Quelle dann steht vor ihnen das grosse Abenteuer «der neuen Jugend». Sie müssen jetzt nur zusammen im «Liebesmonat Mai» im Lebenswasser sein, «schon sind sie jung, wie damals, als sie sich von Herzen verliebten». Selbstverständlich war wohl diese Geschichte vor allem ein lockender Traum, den Kindermärchen und Volkslieder noch immer kennen. Immerhin strebte noch im letzten Jahrhundert die Mehrheit unserer Vorfahren in die von Volkssagen umgebenen «Bedli». Im Mai konnten deswegen, wie man sich erinnert, die kleinen Städtchen geradezu entvölkert sein. Man war noch immer fest überzeugt: «Wenn man fertigbringt, im Maienbad nur an schöne Dinge zu denken und diese zu tun, wird man im gleichen Jahr um keinen Tag älter.» Eigentlich muss man also, um unsere Märchen voll zu verstehen und geniessen zu können, auch etwas von der alten Heilkunde und Naturwissenschaft verstehen! Wo die Antike überlebte Der ganze Lebensstil des «freien» Badens entwickelte einen starken Einfluss auf die Renaissance und Reformation. Wir wissen heute, dass nach dem Vorwärtsstürmen der Türken und Tataren in Osteuropa dies im 15. bis 18. Jahrhundert eine Fülle von unverfälschten Berichten des Altertums nach dem Westen kam und eine neue Blüte der Kunst und Philosophie anregte. Dies hätte aber kaum gereicht, wenn nicht gerade im Badeleben einer ursprünglichen Umwelt ein entsprechender Lebensstil überlebt hätte. Der Ritter Ulrich von Hutten (1488-1523) lässt darum in einer seiner deutschen Dichtungen den Helden Phaeton, in der griechischen Sage ein Sohn der Sonne, zu seinem Vater sagen: «Dort sehe ich etliche (Männer und Frauen) vermischt und nackt miteinander baden. Ich glaube, das kann ohne Schaden ihrer Zucht und Ehre nicht zugehen.» Das Volk verkehrte nach diesem wichtigen kulturgeschichtlichen Zeugnis ungehemmt zusammen und genoss gemeinsam das Baden. Genau wie es sich im Altertum Plato vorgestellt habe, hätten sich hier die Menschen, ohne einer Schuld bewusst zu sein, geküsst oder sich sogar «freundlich umfangen». Bei diesem Baden hätten sich also geradezu paradiesische Zustände erhalten. «Kein Gedanke», belehrt der Sonnengott seinen neugierigen Sohn, werde hier an unsittliches Verhalten verschwendet! Hier gäbe es keinerlei Wärter und Aufseher. Und doch: «Es ist nirgends weniger Ehebruch, und wird die Ehe an dem Ort (wo solche Badesitten herrschen) am strengsten und festesten gehalten.» Die festen Verbindungen zwischen Weib und Mann sind bei solchen Menschen unzerstörbar! Dies weil sie einander gegenüber überhaupt kein Misstrauen besitzen: «Denn sie trauen einander wohl und leben in guter Treu und Glauben, frei und redlich, ohn allen Trug und Untreu. Sie wissen auch von keiner Hinterlist.» Die seelische Gesundheit, die einen solchen Lebensstil möglich machte, bildete nach Ulrich von Hutten auch eine Einheit mit dem körperlichen Wohlbefinden: Menschen, die solchen Brauch bewahren, seien durch ihre naturverbundene Lebensweise «gesund, stark, wohlgeschickt und vermögend (leistungsfähig)» ja, «wissen nichts von den Ärzten». Wohl einer der erstaunlichsten und damit aufschlussreichsten Berichte dieser Art stammt vom berühmten Renaissance-Mann Poggio (1380-1459), der in seinem fleissigen Dasein Sekretär von zehn Päpsten gewesen war. In Baden wollte er geradezu die Auferstehung der antiken Göttin Cypria, also der Venus, mit all seinen Sinnen wahrgenommen haben «ihre Sitten» könne man im Alpenland wiederfinden, nicht anders als auf den Bildern des Altertums. Auch er staunte, wie sehr hier im Umkreis der heilenden und heiligen Wasser die Nacktheit niemanden erstaunte oder gar störte: «Wunderbar ist es zu sehen, in was für Unschuld sie leben und mit welch unbefangenem Zutrauen die Männer zuschauten, wie Fremde gegenüber ihren Frauen sich Freiheiten herausnehmen. Nichts beunruhigt sie. Denn nichts ist so schwer, dass es nicht nach den Sitten dieser guten Menschen federleicht wird. In Platos Republik, deren Sitten alles gemein machen, hätten sie sich vortrefflich benommen, da sie schon, ohne seine Lehre zu kennen, sich zu seiner Sekte neigen.» Poggio war so sehr von der Renaissance beeinflusst, dass es ihn nicht störte, die Welt der Venus und Platos mit der von urchristlichen Traditionen zu vergleichen: «Bald glaub' ich, da (in Baden!) sei der Ort, wo der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer Gan Eden, das ist der Garten der Wollust, nennen.» Poggio schildert die Lustbarkeiten, denen sich die Badener in aller geistiger Unschuld hingaben, die Gesellschaftsspiele und den Tanz auf den Blumenwiesen, den Gesang und die allgegenwärtige Musik. Der Sekretär der Päpste und damit einer der besten Kenner der damaligen politischen Ränke, sieht im damaligen Abendland die Selbstzerstörung im allgemeinen Kampf um Macht und Geld. Ferien von den Krankheiten der Zeit sah er nur unter den Menschen, die noch immer als Herz ihrer Kultur das zeitlose Badeleben und dessen so freie Bräuche besassen: «Die Glücklichen hingegen, mit Wenigem vergnügt, leben nur für heute, machen sich jeden Tag zum Feste, verlangen nicht nach Reichtum, der ihnen wenig nützen kann. Sie freuen sich dessen, was sie haben, und zittern nie vor der Zukunft. Begegnet ihnen je etwas Widriges, so tragen sie es mit Geduld. Ihr grösster Schatz ist der Wahlspruch: «Der lebte, der seines Lebens genoss!» Inseln der Lebenslust Erstaunlich genug überlebten die Bäder im Alpenraum sogar in den schwärzesten Zeiten, die unser Abendland kennt. Der Puritanismus mochte die harmlosesten Vergnügungen unter schwere Strafen stellen und melancholische Philosophien die Massen in schwarzen Trübsinn stürzen. Die «Bademädchen» konnten in den Verdacht kommen, «Hexenbräuche» zu kennen, und die Drohung der Folterung konnte jede volkstümliche Freude vergällen. Die Badeorte und sogar die berühmten «Badestuben» in Stadt und Dorf sie blieben die erstaunlichen Inseln der tiefen Entspannung: Hier trotzte der uralte Brauch den Verboten. Das Volk strömte, besonders noch im Umkreis der geheimnisvollen Gebirge, in die für ihre Verschwiegenheit gepriesenen Bäder «umgeben von Bergwald und Alpweiden, ... fernab von der staubigen Landstrasse»: «Im Vordergrund habe indessen die 'naive und oft recht derbe Genussfreudigkeit des Mittelalters' gestanden, meinen verschiedene Autoren. Die Bademädchen, welche oft selbst die Kräuter aus dem Boden 'grübelten' (um mit ihnen die Heilkraft des Wassers zu steigern), seien wegen ihres Leichtsinns nachgerade berühmt gewesen...» Der Vogt von Trachselwald habe darum 1640, also als die Religionskriege und die sie begleitenden Seuchen die Mehrheit der Bevölkerung von Deutschland ausrotteten, geklagt: Das Badeleben sei noch immer beherrscht durch «das ärgerliche und gottlose Leben und unnütze Wesen mit Tanzen, Singen, Schreien, Pfeifen, Geigen». Die Leute gingen an solche von Musik erfüllte Orte wohl weniger wegen ihrer Gesundheit, sondern wegen der «Vollbringung der Geilheit und grossen Mutwillens»! Es gäbe hier sogar noch den Brauch «einer Auslöschung der Lichter und bei dieser Gelegenheit eine Vermischung und Untermischung der Männer und Weiber». Aus vielen solcher Berichte können wir erkennen, dass mancher Brauch in einsamer Umwelt in der schmutzigen Phantasie seiner Feinde zu einem «erschreckenden Hexensabbat» wurde. Doch ursprünglich scheint in den Bädern eine Sauberkeit geherrscht zu haben, wie schon in der Antike, in der Religion, Lebenslust und Gesundheitspflege eine für uns erstaunliche Einheit bilden konnten. Wenn wir der Sage glauben, folgte dieses Badeleben trotz allem den Gesetzen der eigenen Sittlichkeit. Sogar in den Jahrhunderten, als die Geschlechtskrankheiten tobten, sollen die «Lustbarkeiten» in dem Umkreis des Wassers keinerlei zusätzliche Gefahr bringen: «Zumindest wenn man sie nach den alten Erfahrungen betrieb.» Jedes Jahrhundert träumt seine Zukunft Die Erfahrung, dass die regelmässige Entspannung im Bade-leben den Menschen friedlich macht, fanden wir also schon bei Poggio und Ulrich von Hutten. Eine Bündner Legende, die aus dem 19. Jahrhundert stammt und die Entstehung der Heilquellen von Tarasp zum Inhalt hat, lässt die Göttin, die Beschützerin der Quellen und Alpenkräuter, verkünden: «Durch diese Quellen wird ein jetzt ungeahnter Segen in diese Gegend kommend… Hilfsbedürftige von nah und fern, die sich schon feindlich gegenüber standen, werden aus dem gleichen Born ihre Gesundheit wieder zu erlangen suchen. So werden Tausende und Abertausende hier Erleichterung von ihren Leiden finden...» Dies werde den Menschen bei ihrer künftigen Entwicklung helfen, bis «alle Menschen wieder den Göttern ähnliche Wesen sind». So lebten die alten Träume der Alchimisten und der Heilerinnen in den Bädern auch im 19. Jahrhundert auf. Die Angehörigen der oft verfeindeten Völker trafen sich an Stellen der Natur, an denen die Lebenskräfte nach den Erfahrungen des Volkes eine besondere Wirksamkeit besassen. Taten die Menschen dies «in Liebe und Freude», waren sie überzeugt, dass auch in ihnen etwas von den «Kräften des ursprünglichen Paradieses» auferstand. Wir verstehen kein Zeitalter, wenn wir nur um die Zwänge und Unterdrückung wissen, die in ihm stattfanden. Wir müssen auch wissen, wie die Leute im gleichen Zeitalter «schwerelos», entspannt sein konnten, um sich nach Enttäuschungen und Nöten wieder aufzurichten. So ist es kein Wunder, dass jedesmal in der Geschichte eine Wiederentdeckung des «freien Badelebens» für die Völker eine wichtige Grundlage der (verhältnismässig) friedlichen und schöpferischen Kultur ist: im Altertum, der näheren Vergangenheit vielleicht auch in der baldigen Zukunft. Erschienen in TANTRA Nr. 3, Januar 1995. © Alle Rechte der Texte und Bilder liegen beim Herausgeberverein YABYUM, Zürich, und den Autoren und Autorinnen. |
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