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Oceanic Tantra



Traumdestination Maui, Hawaii. Hier leben und lehren Kutira Decosterd und Raphael ihr «Oceanic Tantra»: Tantra, das von Walen und Delphinen inspiriert ist. Zusammen leiten sie Workshops und Rituale und geben Tantra-Performances. Ausserdem produzieren sie Musikkassetten und CDs. Tatina Lieberherr hat die beiden zu ihrer Arbeit befragt.

Ihr nennt eure Arbeit «Oceanic Tantra». Was versteht ihr darunter?

Kutira: «Oceanic Tantra» wurzelt in traditionellen tantrischen Traditionen und bringt diese in einen modernen Zusammenhang, so dass wir sie im heutigen Leben verwirklichen können. Wir bringen Achtsamkeit in unsere Beziehungen und unsere Sexualität. Wir bringen sexuelle Energie ins Herz-Zentrum und schaffen tiefe Verbindungen mit unserem Geliebten, unserer Geliebten und dem Göttlichen. Indem wir Spiritualität in unsere Sexualität bringen, vertiefen wir die Intimität. Für mich ist Tantra der Weg des Herzens und auf keinen Fall nur eine Technik. Es ist ein Weg, das Leben zu zelebrieren. Im «Oceanic Tantra» arbeiten wir mit ganz verschiedenen Elementen. Wir arbeiten im, unter und über Wasser, wir unterrichten die Kunst des Berührens und der tantrischen Massage, wir setzen Körperarbeit und Atemübungen ein, wir machen Meditationen, wir arbeiten mit Visualisationstechniken, mit Trance-Tanz und rituellem Theater – wir setzen zum Beispiel die sexuellen Phantasien der Teilnehmer und Teilnehmerinnen unserer Gruppen in Theater um –, wir arbeiten mit Life-Musik, schamanischen Praktiken oder auch mit Malerei. Wir haben in unserem Programm auch ein Seminar, das vorwiegend auf den taoistischen und tantrischen Traditionen beruht. Hier geht es um Techniken, die sexuelle Energie für Gesundheit und Lebensverlängerung einzusetzen.

Welche Rolle spielt das Meer im «Oceanic Tantra»?

Kutira: Ich habe wichtige Inspirationen für meine Arbeit durch meine Erfahrungen mit Walen und Delphinen empfangen. Wale und Delphine atmen bewusst und bewegen sich in ekstatischen wellenförmigen Mustern. Diese Techniken sind traditionellen Kundalini-Yoga- und tantrischen Praktiken sehr ähnlich. Sie bringen die zerebrospinale Flüssigkeit ins Gehirn und rufen hohe und orgasmische Bewusstseinszustände hervor.

Wie hast du das in deine Arbeit im Wasser integriert?

Kutira: Wir arbeiten im Meer oder, wenn es das Klima nicht erlaubt wie zum Beispiel in Europa, in Swimmingpools. Wenn du in warmem Wasser liegst und dein Becken sanft bewegst und tief atmest, wirst du eine völlig andere und viel sinnlichere energetische Erfahrung machen, als wenn du die gleiche Bewegung auf trockenem Boden machst. Im Wasser bist du losgelöst von der Schwerkraft. Wenn du von einer Gruppe im Wasser gehalten, sanft massiert und gelockert wirst, kannst du schon in kurzer Zeit eine orgasmische Erfahrung machen, die sich nicht nur auf die Genitalien beschränkt, sondern sich auf den ganzen Körper und sogar darüber hinaus ausdehnt.

Wie beeinflusst das Wasser selbst diese Erfahrung?

Raphael: Wenn du dich ganz entspannt im Wasser treiben lässt, kommt die meditative Erfahrung ganz von alleine. Tauchlehrer oder -lehrerinnen müssen ihre Schüler und Schülerinnen immer und immer wieder darauf hinweisen, bei vollem Bewusstsein zu bleiben, weil es im Wasser ohne weiteres möglich ist, den Körper zu verlassen und in neue Bewusstseinszustände einzutauchen. Wale und Delphine machen das dauernd. Wir Menschen kommen ursprünglich auch aus dem Wasser – unsere Körper kommen aus dem Wasser. Das Wasser selbst wiederum ist ein lebendiges Element, mit dem wir kommunizieren können. Wir können beispielsweise mit den Wasserengeln sprechen.

Kutira: Wasser ist nicht nur sanft und sinnlich. Ich habe das Wasser auch feurig, erdig und luftig erfahren. In einem Boot draussen auf dem Ozean habe ich bei Sturm wirklich das Feuer im Wasser erlebt! Wasser hat die verschiedensten Eigenschaften. «Mama Ocean can change every moment».

Noch einmal zurück zu den Tieren im Wasser. Wie erlebst du die direkte Begegnung mit ihnen?

Kutira: Wenn ich an meine Erfahrungen mit Walen denke, ist mir klar, dass da wirklich ein «Geist in den Wassern» ist. In das Auge eines Wales zu schauen, ist fast, wie in das Auge Gottes zu schauen, in das Auge eines Wesens mit hohem Bewusstsein. Es bringt einem in die Ewigkeit. Es ist für mich jedesmal eine sehr intensive Erfahrung, hier auf Hawaii mit den Buckelwalen zu schwimmen, sie zu sehen und von ihren Gesängen umwoben zu werden. Durch die Dichte des Wassers wird der Walgesang nicht nur durch die Ohren aufgenommen, sondern durchdringt den ganzen Körper.

Bist du auch Haien begegnet?

Kutira: Während meiner vielen Jahre auf Hawaii nur zweimal. Haie sind hier selten. Ein aufregendes Erlebnis hatte ich aber letztes Jahr, als ich ein paar meiner Tantra-Freunde und -Freundinnen mit dem Boot auf das Meer hinausgenommen habe. Ich zeigte ihnen im Wasser einige Bewegungsmuster, das Aufladen und Anhalten des Atems. Der Feueratem-Orgasmus in den Wellen ist eine meiner liebsten Übungen. Wir meditierten auch und machten Visualisationen. Meine Freundin Annie Sprinkle hatte von Anfang an riesige Angst davor, dass sie einem Hai begegnen würde. So projizierte sie fortwährend vor ihrem geistigen Auge das Bild eines Hais. Als wir das letzte Mal hinabtauchten, machten wir eine sexmagische Übung – und wir landeten direkt auf einem Hai. Nichts wie nach oben! Kaum sassen wir alle zusammen im Boot und sich Annie langsam vom Schock ihres Lebens zu erholen begann, fing Margo Anand an, die Situation zu analysieren. Für sie symbolisiert der Hai scharfe, fliessende und fokussierende Energie, so wie der Phallus. Für mich ist der Hai wie für die alten Kahuna, die hawaiianischen Schamanen, ein Krafttier, ein Verbündeter.

Arbeitest du auch mit deinen Gruppen mit Walen und Delphinen – es müssen ja nicht gerade Haie sein?

Kutira: Wenn wir mit einer Gruppe mit dem Boot hinausfahren, zeige ich zuerst einmal, wie du dich im Wasser völlig entspannen und Angstmuster loslassen und so im Wasser meditieren kannst. Auch ein Floaten im Samadhi-Tank, den unser Nachbar Dr. John Lilly vor vielen Jahren entwickelt hat, kann eine gute Vorbereitung fürs Meer sein. Wir zeigen den Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Gruppen, wie sie bewusst atmen können: Mit einem Schnorchel ist der eigene Atem gut zu hören. Wenn du hinabtauchst, musst du ein gutes Gefühl dafür haben, wie lange dir die Luft reicht! Spürst und hörst du dann Wale und Delphine über, unter und neben dir, kannst du wirklich erfassen, was «Oceanic Tantra» ist. Das Wort «Tantra» bedeutet «Verbundenheit», «Weben». «Oceanic Tantra» verbindet uns mit den Prinzipien und Formen des Lebens, nicht zuletzt auch mit dem lebendigen Pulsieren in unserem eigenen Körper. Wenn du mit diesem Pulsieren verbunden bist, wird alles orgasmisch. Dann kannst du Liebe mit allem machen. – Nur ist zu sagen, dass Wale und Delphine Wildtiere sind, und die Begegnung mit ihnen passiert oder passiert eben nicht. Es gibt da keine Garantie. Wir haben aber festgestellt, dass sich Wale und Delphine durch bestimmte Töne, zum Beispiel durch den Klang des Didgeridoos, einem Blasinstrument der Aborigines, angezogen fühlen.

Experimentierst du auch mit Freitauchen?

Kutira: Freitauchen macht mich high! Es ist äusserst orgasmisch, wenn ich hinabtauche, meinen Atem anhalte und den Walen zuhöre. Blau unter mir, Blau über mir. Ewigkeit. Ich muss aber auch sagen, dass ich einen Freund verloren habe, der beim Freitauchen zu weit gegangen ist. Du musst genau wissen, wie weit du gehen kannst. Ich habe vor ein paar Jahren auf einer Delphin- und Walkonferenz Jacques Mayol kennengelernt. Jacques hat den Weltrekord im Freitauchen gehalten, über drei Minuten unter Wasser – wie lange genau, weiss ich nicht mehr. Es wurde auch ein sehr erfolgreicher Film über ihn gemacht: «The Big Blue». Jacques hat im Himalaya mit Yogis wissenschaftliche Studien über das Pranayama gemacht. Er hat auch mit Yogis, die nie zuvor im Wasser waren, im Meer gearbeitet. Dabei hat er herausgefunden, dass sie unter Wasser enorm lange ihren Atem anhalten können. Und dass es im Wasser nicht nötig ist, Asanas oder Yoga-Stellungen zu machen, weil nämlich durch den Wasserdruck der Körper genau die gleiche Druckeinwirkung erfährt wie beim Yoga. Ich bin mit Jacques in meiner Bucht getaucht und er ist weit, weit hinabgetaucht, unter Lava-Formationen hindurchgeschwommen und hat sich an einem Felsen festgehalten – ich weiss nicht, wie lange er dort unten war. Für ihn ist das Meditation.

Wie hat sich deine Arbeit in der letzten Zeit entwickelt?

Kutira: Neu und aufregend ist meine Zusammenarbeit mit John Lilly, der mein Lehrer und auch so etwas wie mein Vater geworden ist. Von ihm habe ich viel über Delphine und Gehirnphysiologie gelernt. Wir Tantrikas wissen ja, dass sich ein Orgasmus nicht nur in den Genitalien abspielt, sondern vor allem auch im Gehirn. John erzählte mir dazu eine witzige Geschichte. Eines Tages, als er noch in Malibu arbeitete, stürzte die bekannte Psychotherapeutin Alice Miller in sein Büro und rief: «John, soeben ist ein Delphin gestorben. Er ist wie ein Stein auf den Boden des Bassins gesunken.» John hat gelacht und sie beschwichtigt: «Du hast eben den Orgasmus eines Delphins erlebt.» Wenn ein Delphin einen Orgasmus hat, stoppen nämlich vorübergehend verschiedene vitale Funktionen, und er sinkt auf den Grund. Ich nenne das «the ultimate surrender», die endgültige Hingabe, oder wie es im Französischen genannt wird: «La petite mort», der kleine Tod. Delphine sind die einzigen Tiere, die keine Brunstzeit kennen, sondern Liebe machen können, wann immer sie wollen. Und sie wollen täglich bis zu vier Stunden und mehr! Delphine sind übrigens bisexuell und haben grosses Vergnügen an allen Arten von erotischen und sexuellen Spielen, die nicht unbedingt genital sein müssen.

Hat sich deine Arbeit auch durch die Beziehung mit Raphael verändert?

Kutira: Nach unserer tantrischen Hochzeit letztes Jahr, wo wir uns auch auf einer wirklich tiefen Ebene miteinander verbunden haben, sind wir zusammen in den Bereich der Magie, der Rituale und des rituellen Theaters vorgedrungen. Mit unseren Konzerten und Performances erreichen wir Menschen mit einer tantrischen Botschaft, die wahrscheinlich nie in einen Workshop kommen würden. Wir haben nun damit angefangen, bei solchen öffentlichen Vorführungen auch Atem- und Visualisationstechniken zu demonstrieren.

Raphael: Für mich ist Theater die höchste Kunstform. Es ist heute bekannt, dass bestimmte Formen von Theater unsere Körperchemie beeinflussen können. Ein Stück von Shakespeare kann ein bestimmtes Chakra beeinflussen. Im Moment arbeiten wir an einer Synthese von Sex-Magie und Performance.

Kutira: Viele Leute haben bereits einige Workshops und Trainings gemacht und sind bereit, tiefer in die tantrische Liebeskunst und auch in die Sex-Magie einzutauchen. Für sie wiederum sind Rituale gedacht, die auf verschiedenen Traditionen beruhen und klare Energie erfordern. Das sind keine Therapiegruppen. Wenn intensive emotionelle Prozesse in Gang kommen, müssen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in der Lage sein, selbst damit zurecht zu kommen oder aber den geweihten Raum zu verlassen. Wir bauen Energie auf und kreieren ein «Holy Relationship Sex Magic Mandala», das im Ritual gesegnet wird. Eine wunderbare und inspirierende Sache für Leute, die Tantra mit Gebet und Meditation in eine höhere Dimension bringen wollen. Wir versuchen, uns dabei vom christlichen Verständnis von Gebet zu lösen und «Gebet» als ein In-Kontakt-Treten mit dem höheren Selbst und ein Sicheinstimmen auf das Tao, auf den Fluss des Lebens zu verstehen. In Form des Gebets wird Energie auf ein bestimmtes Ziel gerichtet. In unseren sexmagischen Ritualen stimmen wir uns auf Energien der Liebe und der Kraft des Herzens ein. Sex-Magie hat nichts mit schwarzer Magie zu tun!

Raphael, was ist Sex-Magie für dich?

Raphael: Ein Orgasmus ist eine nicht-physische Erfahrung. Das, was zum Orgasmus führt, ist natürlich sehr, sehr körperlich, aber die Erfahrung selbst ist es nicht. Zeit und Raum lösen sich auf. Und das ist eine Erfahrung, die sich intensiviert, wenn der Orgasmus verlängert werden kann, auf eine Viertelstunde oder auch länger. Und wenn du in diesem Raum deine Energie und deine Vision auf ein bestimmtes Bild fokussieren kannst, kannst du mit sehr hohen Energieformen in Kontakt kommen. Du kannst dich darauf konzentrieren, was du im Leben willst, du kannst dich auf ein Mandala konzentrieren, auf die Augen deiner Geliebten oder deines Geliebten, auf eine Gottheit, du kannst deinen Körper verlassen. Wichtig ist auch die Zeit nach dem Liebemachen, dieser wunderbar entspannte Zustand ohne Worte. Da erreichen die paranormalen Fähigkeiten ihren Höhepunkt. Das ist die Zeit für Zeitreisen und Visionen der Zukunft.

Wie hat deine Beziehung zu Kutira deine Arbeit verändert?

Raphael: Es war eine Kehrtwendung um 180 Grad. Als ich Kutira zum ersten Mal sah, bat sie mich, auf ihrem Album «Into the Dreamtime» Synthesizer zu spielen. Sie bat mich, Musik zu Wal- und Delphingesängen zu schreiben. Und etwas völlig Unerwartetes passierte – ich hatte einen Nervenzusammenbruch. Ich träumte jede Nacht von Walen und Delphinen. Und nicht nur das. Sie zeigten mir die Noten, die Harmonien, und so entstand dieses Album. Es war seltsam. – Eine monogame Beziehung zu haben, bedeutet für mich, dass ich mit einer Person kontinuierlich wachsen kann und nicht immer wieder von vorne anfangen muss. Unsere Beziehung hat meine Musik präsenter gemacht. Ich fühle mich mehr zu Hause auf dieser Erde.

Kutira: Das hat auch damit zu tun, dass Raphael in seinem Horoskop keine Erde hat. Ich dagegen bin Jungfrau und habe eine starke Erdbetonung. Ich habe immer einen Partner gesucht, der mit mir den tantrischen Pfad gehen will. Es ist eine wunderbare Erfahrung für mich, mit dem Partner eine immer tiefere Verbindung einzugehen und nicht gleich davonzulaufen, wenn es einmal schwierig wird. Und Raphael ist bereit, auf immer neue Ebenen mitzukommen. Ich bin ihm auch dankbar dafür, dass er in mir die kreative Kutira, die singt, Musik macht und tanzt, entdeckt hat. Zusammen sind wir ein verrücktes, kreatives Team, das bereits acht Alben aufgenommen und jetzt auch das erste Video «Surrender to Love» produziert hat.

Besteht für dich ein Unterschied, mit Paaren oder mit Singles zu arbeiten?

Kutira: Singles und Paare haben verschiedene Erwartungen und Energien. Es gibt Bereiche, die sich nur in der Arbeit mit Paaren erschliessen lassen. Ich weiss das selbst erst, seit ich in einer Beziehung lebe. Nach einer Weile stimmen sich die Energien eines Paares so fein aufeinander ab, dass para-normale Kommunikation ganz natürlich wird. Manchmal weiss ich genau, was Raphael denkt, und wir verständigen uns ohne Worte. Das hat viel mit Vertrauen zu tun, Vertrauen, das über Jahre gewachsen ist.

Könnt ihr mit drei Stichworten skizzieren, was für euch in einer Beziehung besonders wichtig ist?

Raphael: Sensitivität füreinander. Absolute Freiheit, sich auszudrücken. Sinn für Abenteuer.

Kutira: Gute Kommunikation. Das Verständnis dafür, dass Männer im Leben Freiheit und Frauen Liebe suchen. Die Kunst, miteinander zu verschmelzen und gleichzeitig Individuen zu bleiben. Wie der bekannte Schriftsteller Khalil Gibran sagte: «Seid wie zwei Säulen, die das gleiche Dach tragen.»



Erschienen in TANTRA Nr. 3, Januar 1995.

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