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Im Zentrum das Rätsel des LiebensVon Advaita Maria Bach Zwischen den Ergebnissen von Wilhelm Reichs Forschung und den überlieferten Vorstellungen des Tantra gibt es Parallelen. Mehr noch: Bioenergetische Übungen, die auf Reichs Erkenntnissen über den Orgasmus und die Muskelpanzerung aufbauen, sind heute unverzichtbar auf dem Weg zu tantrischen Erfahrungen. Was verbindet Wilhelm Reich und Tantra? Hätte man Reich selber diese Frage gestellt, hätte er wahrscheinlich verblüfft die Augenbrauen hochgezogen. Meines Wissens hat er sich mit dem Thema Tantra nicht beschäftigt. Und dennoch gibt es Parallelen. Reich beschrieb mit seiner Orgasmus-Theorie das Ziel des genital befriedigten Menschen, der ohne Unterdrückung seiner Sexualität sein natürliches Liebesglück sucht und finden kann, ein Mensch, der ohne Neurose sein Leben gestaltet, selbst- statt fremdbestimmt, eins mit sich selbst statt verselbständigten Mechanismen, deren Wurzeln in der Sexualverdrängung zu suchen sind. Denn nichts knechtet den Menschen mehr, spaltet ihn in «Geist» und «Fleisch», ist Ursache unendlich vieler Leiden und ungelebten Lebens als schuldbesetzte Sexualität. Sie entfremdet ihn seiner eigenen Natur, deklariert den eigenen Körper und seine Bedürfnisse zum Feind seiner Seele. Vor allem verdanken wir Reich den grundsätzlichen Hinweis auf die enge Verbindung von Körper und Psyche, die er genau erforscht hat. Dieser Zusammenhang, mit dem wir heute so selbstverständlich arbeiten als Tantra-Lehrerin und -Lehrer, Psychotherapeut und Psychotherapeutin bedurfte in der Neuzeit erst der Entdeckung. Genau in diesem Punkt ist Reich ohne sein eigenes Wissen eins mit den Grundaussagen des Tantra. Denn die Tradition des Tantra hat diesen Zusammenhang vor langer Zeit erkannt und macht mit der kulturellen Verfeinerung einer als spirituell verstandenen Sexualität eine wichtige Aussage, die auch für den modernen Menschen heilsam ist, das heisst, seine körperlichen und seelischen Bedürfnisse zusammen befriedigt und entwickelt und nicht seine «natürlichen» und «kulturellen» Wünsche als Gegensätze begreift und ihn damit einer starken inneren Spannung aussetzt. Emotionale Pest Immer wieder beklagte sich Reich über die «emotionale Pest», das heisst, die vorurteilsbeladene Reaktion der Umwelt auf seine Entdeckungen. Auch darin, wie er unbeirrt seine Erkenntnisse weiter veröffentlichte und verbreitete, sehe ich die Haltung des Tantrikers, der seiner Wahrheit entsprechend lebt, ungeachtet der gesellschaftlichen Normen. Vor allem, wenn es um das immer noch heiss umschtrittene Thema Sexualität geht: «Nach der Veröffentlichung meiner Beiträge über die Sexualaufklärung von Kindern... wurden Gerüchte in die Welt gesetzt, ich liesse meine Kinder beim Beischlaf zuschauen, hätte unter Missbrauch der Übertragungssituation mit meinen Patientinnen... Sexualverkehr... und dergleichen mehr. Es war die typische Reaktion sexuell verunglückter Menschen auf den Kampf Gesunder um Liebesglück... Nichts ist dieser Reaktion an Hass und Bitternis vergleichbar... Menschen gesunden Lebensempfindens tragen stumm das Brandmal der Schweinerei, das die Träger perverser Phantasien ihnen aus Schuldgefühl und Angst aufbrennen.» (Die Funktion des Orgasmus) Aus meinem eigenen Leben, mehr als ein halbes Jahrhundert später, kann ich diese Erkenntnis nur bestätigen. Der bürgerliche Mief scheint sich kaum verändert zu haben: Während einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit meinem Vermieter wurde mir unterstellt, ich würde die Menschen zu geschlechtlichen Handlungen aufrufen, würde ein sadomasochistisches Bordell in meiner Wohnung betreiben, hätte meine Patienten, Söhne und Ex-Partner in den Wahn getrieben, würde Massenhypnose betreiben und dergleichen unhaltbarer Unsinn mehr. Hauptsächlich aber verdanken wir Reich den Begriff der «orgastischen Potenz». Bis zum Jahr 1923, dem Geburtsjahr seiner Orgasmus-Theorie, hatte es ihn nicht gegeben. Bis dahin kannte man nur die ejakulative oder erektive Potenz, die sich ausschliesslich auf den Mann bezieht, die orgasmische Potenz hingegen bezieht sich auf Männer und Frauen. Die orgastische Potenz bedeutet «die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckung.» (Funktion des Orgasmus) Und: «Kein einziger Neurotiker hat diese Fähigkeit und die überwiegende Mehrzahl der Menschen ist charakterneurotisch krank.» Für die tantrische Praxis ist die orgasmische Potenz Voraussetzung der Wissenschaftler Reich erklärt Hingabe zum natürlichen Verhalten! Wie wunderbar, er hat tantrische Prinzipien fundiert beschrieben. Natürlich ist zu beachten, dass die tantrische Verzögerung des Liebesaktes vor den unwillkürlichen Kontraktionen des Beckenbodens stattfindet. Bioenergetische Übungen gegen Blockaden Reich weist darauf hin, dass die vollkommene Entspannung, der komplette Abbau der Erregung des Genitalapparates ein Kennzeichen der orgastischen Potenz ist. Also die funktionierende Polarität von Anspannung und Entspannung. Aber die Menschen haben infolge der «Sexualunterdrückung die Fähigkeit zur letzten vegetativen Hingabe verloren.» Immer wieder erkennt er dies und beklagt es. Nach der wiederholten Lektüre seiner Bücher fühle ich mich aufs neue darin bekräftigt, weiterhin bioenergetische Übungen in meinen Gruppen zu praktizieren, mit denen ich meine Teilnehmerinnen und Teilnehmer immer wieder humorvoll an ihre Grenzen bringe. Mir wird oft der Vorwurf gemacht, meine Arbeit sei zu «therapeutisch» denn die Bioenergetik nimmt einen grossen Teil vor allem der Kurse für Anfängerinnen und Anfänger ein. Tatsache aber ist, dass ein Kursleiter oder eine Kursleiterin heute mit vielfältigen Blockaden der Teilnehmer und Teilnehmerinnen konfrontiert ist: Orgasmus-Unfähigkeit bei Frauen, erektive Impotenz bei Männern, verfrühter Samenerguss, die Übertragung des Leistungsprinzips auf die Sexualität was gerade so liebestötend ist wie Repression und auch die Folgen von sexuellem Missbrauch, die die genannten Symptome miteinschliessen, aber mehr bedeuten, vor allem im seelischen Bereich. Auch wenn erst Reichs Schüler Alexander Lowen die Bioenergetik weiterentwickelt hat ohne Reich kein Lowen. Den gestörten Orgasmus-Reflex wiederherstellen Reich beschreibt eine Schwierigkeit, die mir auch begegnet. Wenn ich den Klienten, die Klientin frage, wie denn sein oder ihr Liebesleben beschaffen ist, wie häufig Vereinigung stattfindet, wie befriedigend der Akt dann ist, wie offen sie mit der Partnerin oder dem Partner über ihre Bedürfnisse reden, wie tief die Erregung ist, dann stosse ich immer noch auf eine Art schamvoller Verlegenheit, die erstaunlich ist in unserer plakativ sexgesättigten Zeit. Ich weise in den Gruppen lächelnd darauf hin, dass das Reden über Sex eine der vierundsechzig tantrischen Künste ist da ist viel Sprachlosigkeit, Spracharmut, wenn es um die Beschreibung sexueller Begegnung und Empfindung geht. Reich schreibt, dass er zehn Jahre klinischer Arbeit brauchte, um die orgastische Impotenz voll zu begreifen und zu beschreiben! Wenn ich eine junge Frau in der Einzelsitzung frage, ob sie orgasmusfähig ist, dann begegne ich sehr oft einem Blick, der sich überlegend an die Zimmerdecke hängt, dann in ein Schulterzucken übergeht. Ich weiss dann, dass sie es nicht weiss, und wenn sie es nicht weiss, dann ist sie nicht orgasmusfähig. Den gestörten Orgasmus-Reflex wieder herstellen darin sehe ich die Basisarbeit der Tantra-Trainerin, des Tantra-Trainers, der Sexualtherapeutin und des Sexualtherapeuten. Ist die Eigenverantwortlichkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer geweckt dafür, dass sie selbst für den Fluss der Bioenergie in ihrem Körper verantwortlich sind und auch aktiv dafür etwas tun können, dann ist schon viel gewonnen. Am schönsten ist es für mich, wenn die Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit strahlendem Gesicht sagen: «Es funktioniert!» Das heisst, der Lohn der Übungen ist mehr Lebenslust, mehr Spontaneität, mehr Spass am Sex, mehr Selbstbewusstsein, mehr Vertrauen in die eigenen Wahrnehmungen und Gefühle. Genau dieses Vertrauen hat auch Tantra in den sexuell befriedigten Menschen: Dass er keine zwanghafte Moral braucht, sondern das Gute aus einem Innern strömt eine Güte, die dem Leben selbst entspringt und nicht als Gegenpol des «Bösen» zu verstehen ist. Wie oft ist das «Böse» verdrängte Sexualität die tatsächlich böse wird missbrauchend, aggressiv, sadistisch, masochistisch, weil ihr Drang die Lebensenergie selbst ist, die degeneriert, wenn sie abgeklemmt wird. Folgende Entdeckungen Reichs an erfolgreich behandelten Patienten sind Tantra durch und durch: «Die neue seelische Struktur schien Gesetzen zu folgen, die mit den gewohnten Anforderungen... der Moral nichts gemeinsam hatten. Sie folgte Gesetzen, die mir neu waren, die ich vorher nie geahnt hätte. Das Bild, das sie am Ende geschlossen boten, entsprach einer anderen Art Sozialität... diese andere Art Moral war nicht gelenkt von 'Du sollst' oder 'Du darfst nicht', sondern ergab sich spontan durch die Anforderungen der genitalen Lust und Befriedigung...» Davor hat die Zwangsmoral ja die grösste Angst: Was dann wohl passiert! Erstaunlicherweise gibt es Parallelen mit der Moral: Dass man Frauen nicht vergewaltigt oder kleine Kinder nicht zu sexuellen Handlungen zwingt aber «es war, als ob die moralischen Instanzen gänzlich verschwänden und an ihre Stelle bessere und haltbarere Sicherungen gegen Dissozialität träten.» (Funktion des Orgasmus) Die Erkenntnis, dass ein befriedigter Mensch weder Frauen noch Kinder vergewaltigt, ist eigentlich logisch. Er wird dieses Bedürfnis nicht fühlen und verhält sich damit selbst im konservativen Sinne moralischer als unsere unterdrückten, missbrauchenden, neurotischen Priester, Lehrer, Väter, Mütter... Und noch eins zum Tantriker Reich: Er entdeckte das Orgon, jene feinstoffliche Energie, die die Tantriker Ojas oder Prana oder Äther genannt haben wissenschaftlich nachweisbar. Den Energiekörper der Yogis und Yoginis, Tantriker und Tantrikerinnen: Was ist erstaunlicher, dass die Eingeweihten der alten Zeit es immer schon wussten, dass der Mensch nicht nur aus Fleisch und Blut besteht oder dass ein Moderner ihre Aussagen beweist, obwohl er selbst es so nicht formuliert hat, weil sein Blick nicht auf Yoga oder Tantra gerichtet war? Ich möchte diesen Artikel mit den Schlussworten Reichs zur «Funktion des Orgasmus» beenden, um dem Leser und der Leserin Lust auf die Lektüre der Reich’schen Grundwerke zu machen, falls sie noch nicht stattgfunden hat. Folgende Aussage ist Tantra pur: «... dass die Orgasmusforschung, das Stiefkind der Naturwissenschaften, uns tief in Naturgeheimnisse erschütternder Art hineinführte. Die Erforschung der lebendigen Materie führte uns jenseits der Grenzen der Tiefenpsychologie und Physiologie, sie betrat noch unerforschtes, biologisches Gebiet. Das Thema 'Sexualität' wurde eins mit dem Thema des 'Lebendigen'... Ihr Zentrum bleibt, was es immer war: das Rätsel des Liebens, dem wir Sein und Werden verdanken.» Erschienen in TANTRA Nr. 7, Januar 1997. © Alle Rechte der Texte und Bilder liegen beim Herausgeberverein YABYUM, Zürich, und den Autoren und Autorinnen. |
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