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Vibrationen im Reich der Träume



Von Laura Méritt

Zu Wilhelm Reichs Vermächtnis gehört auch eine Einrichtung, die zur Institution geworden ist: eine geheimnisvolle Holzkiste.

Zur Aufhebung meiner insbes. sexuellen Unterdrückung, die sich natürlich auf alle Personen dieses Systems bezieht, begebe ich mich auf die Suche nach dem Reich’schen Potenzkasten.

Das Ströme-Institut lässt mir Informationen als erste Energiewelle zukommen und beflügelt meine Phantasie: Den Kasten gibt’s als kleine «Shooting box» und als personenhohe Kiste, kann ausgeliehen werden oder in einer Praxis auf Termin erfahren werden. «Shooting box»? Wenn da der gute Wilhelm mal nicht in seinem männlichen triebhaften Charakter über die gesellschaftlichen Verhältnisse hinausgeschossen ist? Ich versuche, mir die Form einer weiblichen Spritzkiste vorzustellen, bejahe weiterhin libidinöse Bedürfnisse aller und melde mich für die Praxis an, da alle Leihkästen hoffnungsvoll vergeben sind.

Eines Montagmorgens bei herrlichem Sonnenschein stehe ich vor einem gelben Haus in Berlins Südzipfel und werde von einer Rose eingelassen, die mir unbeleckten Jüngerin zumindest ein paar Stichwörter reicht. Dass der sexuelle Anstrich zu dick sei und meist mit den nach ihm benannten «Reich-WGs» der 70er zusammengebracht werde, in denen es bekanntlich querbett ging. Dass Wilhelm aber in den 20ern für die Arbeiterbewegung u.a. sexuelle Enthemmung - zur Überwindung künstlich aufrecht erhaltenen Mangels und der Herrschaft – forderte und, wie ich später lese, 1930 als «Chef des Dt. Reichverbandes für proletarische Sexualpolitik» für freie Liebe, Onanie, Prostitution und ungehinderte Abtreibung eintrat – die KPrüden Genossen stiessen ihn wegen dieses pseudomarxistischen Unsinns aus. Dass der grosse Orgon-Akkumulator ein Relax- und Energie-Auflade-Ort sei und in die kleine Box z.B. ihr kleiner Junge seinen verletzten Finger hineinhielt und kurz darauf einschlief.

Jetzt darf ich in die Holzkiste, die innen mit Metallfolie ausgekleidet ist. Ich nehme Platz, bekomme ein Brett zur Armablage eingeführt, die Tür schliesst sich und lässt mir ein kleines quadratisches Fenster als Lichtblick, auch bei geschlossenen Augen. In dieser Position fühle ich mich wie ein Schulmädchen, und als erstes konzentriere ich mich darauf, meiner erkälteten Freundin, die zur gleichen Zeit die Schulbank drückt und eine wichtige Prüfung ablegen muss, guten Geist und schlaue Gedanken rüberzubeamen. Nachdem ich vom Empfang überzeugt bin, entspanne ich und schalte das deutsche Tagesprogramm ab. Ich switche nach Asien in die schönen Tempel, Grossstadt-Oasen der Besinnlichkeit. «Relax in the box.» Ich fange an, mich in meinen zwei Kubikmetern wohlzufühlen.

Langsam wird mir richtig heiss und die verschiedensten Körperteile fangen an zu pulsieren. Als erstes mein Überbau und hier besonders meine Ohrläppchen – da gibt es doch ein Sprichwort: «Wie die Läppchen einer Frau, so ist ihr...»? Auch meine Zehen melden sich, ohne dass die Nägel sich aufrollen, und natürlich meine geschwätzige Möse. Nur das Allerwerteste Arschloch tut nix für ungut. Wahrscheinlich reagiert nur ein entsprechend versiertes schwules auf den von dieser Szene gepriesenen sexuellen Kasten für anale Potenz. Ich döse leicht schläfrig fickerig vor mich hin und male mir schöne Szenarien aus. Wird Madame Rose sich in lederner Stützkorsage vorbeugen, mir Einblick in ihren Ausschnitt gewähren und streng durch’s Fensterchen befehlen, was ich nun in meinem Käfig tun soll?

Mein Wunsch sei ihr Befehl, die Rose kommt tatsächlich, beugt sich im warmen Herbstpullover vor und erkundigt sich mit zarter Stimme nach meinem Wohlbefinden. Nach meiner minimalen positiven Rückbestätigung deutet sie mir an, dass sie mir noch Zeit zum Sammeln liesse und dann gehen müsse. Danke Herrin!

Wohlgelaunt swinge ich auf die Strasse, fahre meine Freundin von der Prüfung abholen, die sie gut überstanden hat. Ein kleiner Spaziergang an der Berliner Gracht und den lethargischen Braunbären im Freiluftkäfig vorbei führt direkt ins heimliche Bett zum Beischlafen. Aufgetankt von den Vibrationen im Reich der Träume, die eine Wiederholung der morgendlichen Wellen darstellen, wache ich munter auf und bin für jegliche Spielchen zu haben. Orgon sei Dank!



Erschienen in TANTRA Nr. 7, Januar 1997.

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