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MantraVon Andro Der Morgennebel hängt geschwängert von Kuhmistgeruch über den flachen Ganges-Ufern. In der Luft vibriert dumpfes Dröhnen von unzähligen Kesselpauken das mir frühe Kindheitsgefühle aus der Kriegszeit heraufbeschwört von anfliegenden Kriegsbombern und mein Zwerchfell zittern lässt, durchwoben von Millionen menschlicher Stimmen die mir unverständliche Mantras und Gebete singen, rufen oder chanten. Der Klangteppich bei dieser heiligen Versammlung von Millionen gläubiger Inder zur Kumbh Mela erzeugt in mir schon seit Tagen, da er Tag und Nacht fortwährt, ein beständiges Vibrieren meiner Haut. Einerseits möchte ich zur Ruhe kommen, endlich Pause haben von diesem Lärm, und andererseits entsteht zunehmend eine euphorische Erwartungshaltung, als würde gleich sofort irgendetwas Ungeheuerliches oder Überraschendes geschehen. Ich habe noch nie in so einem Meer von Menschen, Stimmen und Geräuschen gebadet. Meine Begrenzungen und Abgrenzungen zu Anderen schwindet dahin. Ich fühle mich eins mit dem verlausten Saddhu voll Asche und mit verfilzten Haaren, der mich heiter singend anrempelt und zum Mitsingen animiert. Ich verstehe kein einziges Wort, und verstehe dennoch sein in religiöser Ekstase zitterndes Gefühl. Es springt mich förmlich an aus seiner Kehle und seiner weissgrau behaarten mageren Brust und ich fühle mich in den Arm genommen von diesem Mann, der mir eine seiner fünf Karotten zur Wegzehrung anbietet. War es jetzt das, das Aufgehen in der Allseele, alleins und glücklich, wie Hermann Hesse es beschrieb? War das jetzt Massensuggestion oder persönliche Ohnmacht meines Selbst, das sich kampflos aufgab angesichts der Millionen von Gefühlen, die augenscheinlich alle auf einem ähnlichen Level zu schwingen schienen? Ich kann das nicht entscheiden und ich kann mich dem nicht entziehen. Längst bin ich kein Westler mehr, trotz Sprachwirrwarr, ich bin auch kein Inder oder Asiate. Ich werde gefragt im Hof des kleinen Tempels, wo ich zu Gast bin, woher ich käme, und ich kann nichts antworten, das meiner inneren Wahrheit entspricht, so sage ich, ich käme aus XTLAN, einem spirituellen Fantasiebegriff einer fiktiven Welt, wo alle zu Hause sind, die verstehen. Beeinflusst die pausenlose Beschallung meine Antworten? Ja doch, ich kann mich nicht konzentrieren auf intellektuelle Diskurse, ich kann aber gut auf Herzensfragen antworten, in den unterschiedlichsten Sprachen oder gar nur in der Zeichensprache und ich werde verstanden. Ich beschliesse endlich mitzusingen, was ich die ganzen Tage vermieden hatte, ja, wogegen ein innerer Teil von mir sich gesperrt hatte. Ich habe ein Satsang-Lied auswendig gelernt im letzten Ashram, wo ich eine Woche im Retreat gewesen war, und das singe ich jetzt, bei allem, was ich tue. Es fällt mir anfangs schwer, auch beim Scheissen und Pissen zu singen, da dasselbe öffentlich auf einem grossen Latrinenfeld geschieht, fällt mir die Verrichtung meiner Notdurft dann aber gerade durch das Singen leichter. Gleichgültig, was ich tue, der Gesang sammelt mich in meiner geistigen Mitte und hält mich damit zusammen. Was meint der Begriff «Meer der Freude», der in meinem tibetischen Gesang immer wiederkehrt? Mal spiegelt sich wie im Gleissen des Wassers ein Verständnis davon, mal ein anderes. Im Verlaufe von Tagen dann habe ich ein inneres Wissen der Botschaft, die mir der Gesang vermittelt. Damals in Ujain, der Stadt, wo die Kumbh Mela stattfand, wusste ich noch nicht, wessen persönliches Mantra das war und was der übersetzte Inhalt bedeutet. Jahre später höre ich in Südfrankreich den 16. Karmapa es chanten im Kreis von fünfzig rotgewandeten Mönchen und wieder zwanzig Jahre später endlich höre ich denselben Gesang vom 17. Karmapa auf einer CD mit dessen eigener englischen Version davon, und siehe da, es war dieselbe Botschaft, die ich auch damals schon in Ujain verstanden hatte. Ich muss dafür eine rationale Erklärung schuldig bleiben, das Lied aber begleitet mich noch heute und immer, wenn ich es singe oder Teile davon nur höre, öffnet sich mir ein innerer Raum, in dem ich ganz und zeitlos glücklich bin und gleichzeitig ein sicheres Wissen über die Schlüssigkeit meines Handelns habe. Erschienen in TANTRA Nr. 10, August 1998. © Alle Rechte der Texte und Bilder liegen beim Herausgeberverein YABYUM, Zürich, und den Autoren und Autorinnen. |
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