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Kundalini-Power



Eluan Ghazal probierte die Runen-Übungen des «PcE-Trainings» aus. Und stellt dazu ein paar kritische Fragen.

Ballawatschata, hinicher, hatscheter Schmarrn – Wien grenzt an Europa, so klingts im Wienerlied. Versonnene Tagträumereien, morbide Phantasien, mit Schlagobers verzierte Gemeinheiten, müde, postmonarchische Nonchalance... das assoziiert man gerne mit dem Wiener Lokalkolorit.

Und das soll nun alles anders sein? «Power für den ganzen Tag», so lautet der entschlossen optimistische Buchtitel des Wiener Physikers Gerhard Eggetsberger, der ein supereinfaches Trainingsprogramm zur Steigerung der KundaliniKraft entwickelt hat – nicht für irgendwelche Illuminatenzirkel oder weltferne Indiennostalgiker, sondern für moderne Menschen, die mit beiden Beinen im Alltag stehen und den Forderungen der Realität genügen wollen. «PcE-Training» nennt Eggetsberger sein Übungsprogramm, und im Foyer seines Trainingszentrums hängt eine Wandtafel mit zahlreichen Fotos von optimistisch dreinblickenden Zeitgenossen... da ist der Nachtclubbesitzer vom Moulin Rouge mit Vollglatze und Ringerstatur, da sieht man bekannte Gesichter aus Wirtschaft, Politik und Sport... vor allem Sport. Und sie alle tragen diesen Reif um den Kopf, an dem die Elektroden für die Aufnahme der Hirnströme befestigt sind... und lächeln.

Wenn du, so lautet die Botschaft, regelmässig sechs Runenhaltungen einnimmst und im Anschluss daran deinen Beckenbodenmuskel – den Pubococcygeus, kurz Pc-Muskel – bis zu hundertmal anspannst, so wirst du schon bald eine messbare und anhaltende Steigerung deines Energieniveaus im Gehirn erreichen. Messbar ist diese Kundalini-Kraft oder Chi-Energie erstmals mit Hilfe eines von Eggetsberger entwickelten Scanners, der an jeden beliebigen PC angeschlossen werden kann.

So einfach ist das? Die mystische Kundalini-Kraft – dichterisch als «feurige Schlange», «Regenbogenschlange», «Lotusblütengirlande», «göttlicher Nektar» oder «goldener Strom» besungen – die nur von wenigen Auserwählten durch komplizierte und oft gefahrvolle asketische Übungen voll – also bis zur Erleuchtung – verwirklicht wurde, die wird nun im PcE-Training allseits verfügbar und wissenschaftlich beweisbar – pragmatisch, konkret und alltäglich. Sehr einfach, sehr formelhaft klingt das, vergleicht man es mit jenen anderen Theorien über Energie, die ihren Ursprung in Wien nahmen und dann weltweite Verbreitung fanden.

Da war Freud, der sich in gewundenen Gedankenakrobatiken dem Schicksal der kindlichen Libido und des Lustprinzips widmete, das ständig von gesellschaftlich gesetzten Ich- und Über-Ich-Instanzen bedroht wird. Allgegenwärtig ist dieses schwappende Urmeer seliger Lustreize, und dort, wo es verdrängt, geknebelt und diszipliniert wird, macht es sich durch «Freudsche Fehlleistungen», Hysterien, Projektionen, Perversionen und Fixierungen unliebsam und peinlich bemerkbar – jedenfalls im Wien der späten Kaiserzeit.

Der prinzipielle Gegensatz zwischen Lustprinzip und gesellschaftlichen Zwängen bestimmt auch Reichs Arbeit. Aber er geht einen radikalen Schritt weiter: Wenn die Gesellschaft den freien Fluss der Sexualität behindert und damit Unglück, Muskelpanzerung und Gewaltbereitschaft erzeugt, so muss die Gesellschaft verändert werden. Libido wird zur Bundesgenossin im Kampf gegen Kapitalismus und Faschismus.

Sowohl Freud wie auch Reich entstammten einer noch offen autoritären und patriarchalen Gesellschaft, und obwohl sie selbst als wissenschaftlich aufgeklärte Geister nichts mehr von Vatergöttern wissen wollten, waren sie durch ihre KlientInnen auch mit den traumatischen Wirkungen religiöser Sexualfeindlichkeit konfrontiert.

Auf solche Komplikationen und Doppelbödigkeiten lässt sich Eggetsberger gar nicht erst ein. Er ist Naturwissenschaftler und liefert eine Technik zur messbaren Steigerung des bioenergetischen Potentials: Runenübungen und Pc-Muskel-Training verbunden mit Ernährungstipps und Klangmeditation.

Runen! Seit vielen Jahren weiss ich, dass es solche Runenpositionen gibt, aber es wäre mir nie eingefallen, sie zu üben. Aus mehreren Gründen: Die Runenpositionen – fast sämtlich stehend – erschienen mir steif und statisch – im Gegensatz etwa zu den lustvollen Wellenbewegungen und Shakes des Orientalischen Tanzes. Auch kam mir die Art, wie sie in Büchern präsentiert wurden, muffig und androzentrisch vor. Und schliesslich sind sie auch durch ihren Missbrauch im Faschismus diskreditiert, denn drei dieser Runen wurden zu Symbolen von Machtgier, Grausamkeit und Zerstörung.

Für Eggetsberger aber sind sie eine Methode, um Körperspannungen zu lockern und energetische Hindernisse für den freien Fluss der Kundalini-Energie zu beseitigen. Das möchte ich spüren.

Ich beginne mit der U-Rune: Aus dem Stand lasse ich den Oberkörper nach unten sinken, so dass die Hände fast den Boden berühren – eigentlich eine ganz normale Stretching-Übung. Aber indem ich sie zwanzig Atemzüge lang halte und dabei ganz ruhig bleibe, habe ich viel Zeit, in meinen Körper hineinzuspüren. Mein Nacken entspannt sich, die Halsmuskulatur, die den Kopf angestrengt und zielbewusst trägt, lässt los, mein Kopf sinkt mit natürlichem Gewicht nach unten, ich fühle mich befreit, ein Paket Stress ist weggeflogen. Als nächstes löst sich Spannung im Kreuz, hebt sich, entfleucht, vertrauensvoll sinkt mein Oberkörper und nähert sich der Erde... und als ich wieder hochkomme, finde ich im Spiegel ein glückliches Lächeln auf meinem Gesicht. Das war aber eine nette Rune! Wirklich lieb!

Als nächstes die I-Rune: Ich stehe gerade und hebe die Arme senkrecht und parallel nach oben, so dass die beiden Handflächen über meinem Kopf in einer Entfernung von vielleicht dreissig Zentimetern einander zugewandt sind. Ein ganz anderes Feeling: Mein Brustkorb weitet sich, meine Atmung wird intensiver, die Solarplexus-Zone unter den Rippenbögen wird lebendig, wird durchlüftet. Die Arme bleiben wie von selbst dort oben über meinem Kopf... Ja, diese Haltung hat mit Macht zu tun. Unwillkürlich fällt mir jene biblische Schlachtenschilderung ein: Solange Moses auf dem Feldherrnhügel seine Arme nach oben streckte, hatten seine Kämpfer die «Oberhand» über die Feinde (Exodus, 17,11). Ich höre wieder auf zu denken, beobachte meinen Körper, spüre mich klar und stark, das Lächeln auf meinem Gesicht ist verschwunden.

Bei der Y-Rune halte ich beide Arme seitlich schräg nach oben, und nach einigen Atemzügen ist mir, als entfalte sich ein kreisender Energietrichter von meiner Herzebene aus nach oben. Interessant! Ich bin neugierig, wie es weitergeht: Die F-Rune – beide Hände waagrecht nach vorne – beschert mir eine heftige Energetisierung des oberen Brustkorbes und des Halses. Toll! Nach diesem F-Intermezzo folgt nun die T-Rune, die Umkehrung der Y-Rune: Die Arme weisen seitlich vom Körper schräg nach unten. Und wieder empfinde ich einen Energietrichter, der sich von der Herzgegend nach unten entfaltet und in entgegengesetzter Richtung kreist. Die W-Rune habe ich schon bei afrikanischen Freunden als morgendliche Fitnessübung gesehen: Von einer Position vor dem Oberkörper werden die Arme in eine gestreckte Seitposition geschnellt.

Das waren also die Runen-Übungen. Haben sie mich gelockert? Ja, schon. Vor allem aber haben sie mir das Gefühl einer räumlichen Stabilität, eines Frei-Raumes rings um meinen Körper vermittelt. Da hat sich schon was getan. Offenbar hat es auch etwas mit elektro-magnetischen Potentialen zu tun: Ein Strom, der von Fingerspitze zu Fingerspitze reicht, durchpulst alles, was dazwischen liegt, und macht durch die dabei entstehende Chi-Kraft äussere Muskelpanzerungen überflüssig.

Ich denke, es ist letztlich egal, ob man Muskelspannungen durch Massage, Yoga, heisse Bäder, ätherische Öle, Bauchtanz, Psychotherapie, Singen oder Rebirthing löst – Methoden gibt es viele. Warum also nicht Runenhaltungen als Heilmittel gegen Muskelpanzerungen einsetzen?

Eggetsberger erwähnt, dass sie zum Einweihungswissen unserer keltischen und germanischen Vorfahren gehörten, also gewissermassen zu unseren «roots». Ich bin mir da nicht so sicher: Schliesslich sind indoeuropäische Stämme etwa eintausendfünfhundert Jahre lang in Mittelasien und dem Vorderen Orient gewandert, verkehrten mit Mongolen, Chinesen, Finnugriern und semitischen Völkern. Wer hat da wen beeinflusst, wer von wem welche Traditionen übernommen? Vielleicht haben tungusische oder samojedische SchamanInnen, im Schneematsch Sibiriens stehend, das Raunen der Runen erfunden?

Und nun der zweite Teil der Übung, der uns in südlichere Tempel und Harems entführt: Erzeugung von KundaliniEnergie durch rhythmische Kontraktionen des Beckenbodenmuskels. Ich setze mich also in den Kniesitz, achte auf tadellos aufrechte Haltung (sonst kann die Kundalini nicht aufsteigen, betont Eggetsberger), schliesse die Augen, und spanne meinen Pubococcygeus an. Idealerweise hundertmal pro Tag, empfiehlt Eggetsberger. Also: Anspannen, einatmen, loslassen, ausatmen. Oh, das geht wie Butter... kein Wunder, habe ich es doch oft genug mit meinen Schülerinnen im Orientalischen Tanz geübt. Aber nach fünfzig Kontraktionen wird mir fad. Wie fühlt es sich im Kopf an? Naht die Erleuchtung? Irgendwie nicht so recht. Ich glaube, es liegt am allzu absichtsvollen Wollen.

Später, am PC, sitze ich hingeflegelt mit ungeradem Rückgrat, ein Bein auf dem Tisch, kontrahiere wieder den Pc-Muskel und stelle fest, es klingelt im Kopf, es gleisst voll Wollust, es schimmert und flimmert... oder ist es der Bildschirm? Nein, es ist in meinem Kopf... Das ist phantastisch!

Nach jahrelangen Biofeedback-Forschungen mit mentaler Autosuggestion entdeckte Eggetsberger zufällig und überraschend, dass die taoistische Methode der Beckenbodenkontraktion eine deutliche Steigerung der Spannung des Hirnfeldes erzeugt. Und damit hat er – sofern seine Messmethoden gültig sind – die Existenz der Kundalini-Energie, die vom Beckenboden zum Gehirn aufsteigt, experimentell bewiesen und eine Brücke zwischen westlicher Wissenschaft und östlicher Mystik geschlagen. Und er formuliert auch gleich den praktischen Nutzen: mehr Lebenskraft, Jugendlichkeit, Gesundheit, Konzentrationsfähigkeit, ja sogar spirituelles Wachstum und Entwicklung mystischer Kräfte.

Auch die Orgasmusfähigkeit wird durch fleissiges Üben gesteigert. Eggetsberger betont, dass sexuelle Askese beim Streben nach Erleuchtung eher hinderlich ist – weil sie den Pc-Muskel untrainiert lässt.

Wenn wir also die Kontraktion des Beckenbodenmuskels praktizieren – zu zweit im Himmelbett oder alleine unauffällig in der U-Bahn – so katapultieren wir uns in ein erotisch-mentales Paradies, in dem uns die aufsteigende Kraft der Kundalini-Schlange den Genuss der Früchte vom Baum der Erkenntnis spendet.

Aber brauche ich dazu ein Messgerät? Muss ich mich dazu an einen Scanner anschliessen? Ich sollte es – des Artikels wegen. Aber ich mag nicht. Alles sträubt sich in mir. Diese Hirnreifen mit den Elektroden...! Ich hab was gegen quantitative Methoden in Psychologie und Sozialwissenschaft, gegen diese Psychotests und statistischen Fliegenbeinzählereien, wo Menschen als berechenbare Beobachtungs-Objekte und Eigenschafts-Inhaber behandelt werden. Ich will nicht berechenbar sein... und meine Kundalini schon gleich gar nicht!

In der Antike erfolgte das Rechnen und Messen im harmonikalen Sinn der guten Proportion. Im Mittelalter lobte man Gott und verlor im guten Glauben alle Proportionen, aber als zu Beginn der Neuzeit der Geldverkehr die Allgegenwart Gottes ersetzte, wurde alles messbar und berechenbar... im Handel wie in der Physik. Abstrakte Eigenschaften wie Gewicht, Geschwindigkeit, Masse, Energie hatten nicht mehr viel mit dem konkreten, bunten Organismus zu tun, dem sie anhafteten. Sie waren rein quantitativ, berechenbar und – man konnte sie steigern! Man konnte Grösse, Kraft, Effizienz, Helligkeit, Schnelligkeit und Profite steigern... maximieren.

Mit seinen Methoden zur bioenergetischen Leistungssteigerung und seinen Messapparaten steht Eggetsberger letztlich in dieser wissenschaftlich-quantifizierenden Tradition der europäischen Aufklärung, die seit drei Jahrhunderten immer hellere Lichtquellen erschaffen hat... und jetzt auch noch eine Supertechnik zur «Erleuchtung» unseres Gehirnes! Irgendetwas rebelliert in mir. Gehört es nicht zum echten Menschsein auch die Finsternis, den Schatten, die Krankheit und den Tod zu umarmen? Erwächst nicht die Lotosblume aus dem Schlamm, die Erleuchtung aus der Dunkelheit?

Andererseits, neugierig bin ich schon... soll ich mich vielleicht doch mit Gehirnphysiologie befassen, um den Geheimnissen von Denken und Fantasie, Schlaf und Ekstase, Energie und Erleuchtung auf die Spur zu kommen? Soll ich? Soll ich nicht? Morgen frag ich meine Kundalini!



Erschienen in YABYUM Nr. 1, April 1999.

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