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Auch eine «Heilige Hure» hat ihren Preis



Prostitution als Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung? Männer dürfen in John Bellicchis Workshop «Der Liebhaber» sexuelle Phantasien mit einer Frau ausleben – wenn sie können. Frauen will er eine Erfahrung ermöglichen, die als Wunsch tief in der weiblichen Psyche verankert sein soll. Donna war «Heilige Hure» und erzählt, was sie erlebt hat.

Der Workshop «Der Liebhaber» ist ein verlängertes Wochenende für Männer, bei dem sich ein Begleittrupp von Frauen erotisch verkleidet und anonym zu bestimmten Zeiten im Gruppenraum aufhält. Lebende Projektionsflächen für den Mann. Keine Interaktion von Mann zu Frau! Bis auf eine kleine, jedoch wesentliche Ausnahme am Samstagabend: Wenn die Männer der «Heiligen Hure» begegnen.

Wir Frauen sind etwas aufgeregt. Noch haben wir keinen der Männer gesehen. Unsere Gesichter und die Haare sind verschleiert. Man sieht nur die Augen. Wir tragen Reizwäsche und darüber bunte, fliessende Tücher. Auch Schmuck, Schminke und Parfüm fehlen nicht. Haremsdamen aus dem Orient. Auf ein vereinbartes Zeichen schweben wir langsam, eine nach der anderen, die Treppe zu den Männern hinunter. Die Zeit steht still. Wir verteilen uns im Raum. Es herrscht immer noch Stille. John fängt die Stimmung auf: «Merkt ihr, dass sich etwas verändert hat, Männer? Die Energie ist so stark, dass ich kaum atmen kann. Der Magen krampft sich zusammen, im Hals wird es eng, die Atmung wird flach, im Bauch fliegen Flugzeuge… Vielleicht schwitzt du an den Händen oder hast kalte Füsse bekommen. Spürt ihr es?»

Auch ich muss mich erst an die neue Situation gewöhnen und fühle mich trotz der Anonymität wie auf dem Präsentierteller. Scheu begutachte ich die Männer. Eine bunte Mischung. Keine Superhelden aber auch keine Mauerblümchen. Der jüngste ist ungefähr 22, der älteste etwa 55 Jahre alt. Sie sind gross, klein, stark, schwach, schlaksig, dicklich, gebräunt, weiss, glattrasiert, bärtig, kurzhaarig und gelockt. Ganz normale Männer eben. Nicht alle wagen direkten Augenkontakt.

Die Männer sollen uns berühren, und zwar an den Füssen. John: «Kannst du die Füsse einer Frau so berühren, dass sie sich geliebt und begehrt fühlt?» Eine Reihe von Männern versucht es. Wir Frauen dürfen nach der Art der alten Cäsaren mit dem Daumen entscheiden, ob der Versuch geglückt oder misslungen ist. Kaum einer ist erfolgreich dabei. Die Männer sind ratlos. Hier fehlt John die Leidenschaft, dort das Herz oder er sagt, das kitzle nur. Dann demonstriert er, wie er es machen würde. Blitzschnell lässt er seine Hände auf meine Füsse niedersausen, um etwa fünf Zentimeter darüber zu stoppen: «Ich könnte diese Füsse, diese Frau lieben, ohne sie überhaupt je zu berühren.»

Wieder unter uns, unterhalten wir Frauen uns über unsere Erfahrungen. Fast alle fühlten sich zu Beginn nicht wohl. Beklemmend wurde es für mich, als wir Frauen hörten, was die Männer für konkrete sexuelle Wünsche an die «Heilige Hure» hatten. Beängstigend waren für mich nicht diese Wünsche an sich, sondern die Tatsache: Hier sitzen dreizehn Männer und alle wollen mich vögeln! Von vorne, von hinten, von oben, von unten, anal, vaginal, oral, zu zweit und zu dritt, gefesselt oder nicht. Für viele war Küssen ganz wichtig. Einer hatte noch nie mit einer Frau geschlafen, und manche waren bisexuell und wollten einen Mann dabeihaben. Ich war den Tränen nahe, als es später darum ging, Regeln darüber aufzustellen, was erlaubt war und was nicht. Grenzen setzen! Erst jetzt wurde mir bewusst, worauf ich mich eingelassen hatte und bekam Angst.

Beim ersten Workshop war die «Heilige Hure» eine Professionelle gewesen. Diesmal sind wir zwei ganz normale Frauen. Angélique, verheiratet, herzlich und lebenserfahren, und ich, Donna, selbsterfahrender Weise meine Grenzen auslotend.

Wir waren ziemlich frei in der Gestaltung des Abends. Verführerisch angezogen, das Gesicht nur mit einem Hauch von Schleier bedeckt, thronen wir auf einem Bänkchen und warten. Kurt, ein Mann aus der Crew, ist unser «Tempeldiener». Zwei Liebeslager sind vorbereitet; eines zum Arbeiten und eines zum Ausruhen. Es soll immer nur eine beschäftigt sein. Die Regeln für die Männer sind klar: Nicht ohne Gummi, bei Handarbeit nur mit Handschuh, kein Analverkehr, kein Sperma ins Gesicht und die Berührung von Kopf oder Hals sowie Küssen auf den Mund sind verboten.

Die Tür geht auf, die Männer kommen. Sie werden von Karl hereingeführt, einem von Johns Assistenten, der sie den ganzen Abend begleiten wird. Sie haben sich herausgeputzt, und jeder trägt eine Rose mit sich, um sie uns zu schenken. Wir bedanken uns. Dann fordern wir von jedem Mann Kleidungsstück um Kleidungsstück. Dabei scherzen wir mit ihnen und veranlassen sie zu einem Strip-Duell. Wer kann es am schönsten, erotischsten, ordinärsten, laszivsten? Hat einer Haare auf der Brust oder nicht? Es knistert, und ich fühle mich langsam entspannter. Schliesslich sitzen alle nur noch in der Unterhose da.

Jetzt dürfen die Männer uns ausziehen. Jeder nur ein Kleidungsstück, bis wir im Evakostüm dastehen. Gleich ist es so weit, und ich bin froh, dass Angélique, die ältere, beginnt. Ich mache es mir auf dem Ruhebett bequem.

Karl nimmt ein letztes Mal die Männer in einem Kreis zusammen und atmet mit ihnen, bis sich einer entschliesst, zu uns zu kommen. Für diesen Abend nennt er sich Ganesh und äussert den Wunsch, mit zwei Frauen zu sein. So komme ich unerwarteter Weise gleich zum Einsatz. Nach einem mir endlos scheinenden Vorspiel überlässt Angélique ihn mir, und da er hübsch ist, bin ich etwas enttäuscht, als es dann doch nicht klappt. Seine Tränen rühren mich, aber getröstet wird er von den Männern.

Der nächste bitte! Angélique ist zu diesem Zeitpunkt schon wieder besetzt, und so kommt es, dass wir nicht abwechslungsweise arbeiten sondern gleichzeitig. Ich hatte nicht erwartet, dass die Angelegenheit sexuell befriedigend für mich sein würde. Aber gerade, als ich richtig in Fahrt komme, habe ich schon wieder einen erwischt, der nicht kann. Jetzt, wo ich so richtig geil bin, macht Mann schlapp! Ein paar Atemzüge lang wandelt sich mein Mitgefühl für die Männer in Verachtung und Wut.

Nach jedem «Durchgang» nehmen Karl und die anderen Männer den Rückkehrer wieder in ihren Kreis auf und feiern ihn oder teilen seinen Schmerz. In diesen Pausen versorgt uns Kurt mit frischem Wasser und süssen Datteln. Die Zeit vergeht schnell, und nach einem rituellen Ende verabschieden wir uns, die Handflächen vor der Brust aneinandergelegt, mit einer Verbeugung.

Nicht alle realisierten ihre Wünsche. Und einige Männer hatten plötzlich vergessen, weshalb sie überhaupt hier waren. Zuviel Ehrfurcht vor der Heiligen, die Hure wieder abgespalten. In der Hitze des Gefechts wurde schon mal die Bodylotion mit dem Gleitmittel verwechselt, und manchmal war es eher Therapie als das Feiern des Sexus im Tempel der «Heiligen Huren». Von den insgesamt dreizehn Männern kamen zehn zu uns und nur fünf konnten den Göttinnen ihre Ehre erweisen.

Ein Sexperiment, bei dem vieles Platz hatte. Auch wenn für mich die Frage offen bleibt, warum Frau den Raum, ihre Körperöffnungen, für die männliche Struktur, seinen Schwanz, zur Verfügung stellen muss, damit Mann – vielleicht – etwas lernt. Wird hier nicht wieder einmal etwas an die Frau delegiert, nämlich in sich selber diesen Raum, das weibliche Prinzip, zu integrieren, Eigenverantwortung für Lust und Erektion zu übernehmen, um ihr schliesslich unabhängig, als Ganzes wirklich begegnen zu können?

Donna

P.S. Kürzlich an einer Haltestelle: Gerade als die Strassenbahn weiterfährt, begegnet mein Blick einem Gesicht, das mir seltsam vertraut scheint. Ich bin irritiert. Ob er mich wohl erkannt hat?



Erschienen in TANTRA Nr. 4, Juli 1995.

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