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Auf Ischtars SpurenIm Seminar «Die schillernden Farben der Göttin in dir» vermittelt Eluan Ghazal, Autorin und Tänzerin, die Idee des «Ritual of Rising Energy». TANTRA-Redaktorin Regula Schenkel hat sie zu ihrer Arbeit befragt. TANTRA: Eluan, du hast drei Bücher geschrieben, du gibst Kurse und Tanz-Perfomances, wie bringst du diese verschiedenen Bereiche unter einen Hut? Eluan Ghazal: So verschieden sind die verschiedenen Tätigkeiten gar nicht. Schreiben ist auch eine Art Tanz. Es hat mit Rhythmus und Gestaltung zu tun. Es hat für mich auch eine gewisse Körperlichkeit. Wie Konzepte und Vorstellungen gebildet werden, ist ein sehr sinnlicher Vorgang für mich. Trotzdem geht es mir in den Büchern natürlich auch um exakte Analysen. Und in deinen Seminaren schaffst du die Verbindung zwischen Tanz und dem Wissen, das du dir durch theoretische Forschungen erarbeitet hast? Ich möchte die Frauen, die zu mir in Seminare kommen, nicht nur mit praktischen Übungen konfrontieren, sondern stelle diese Übungen in einen Kontext. Das Seminar «Die schillernden Farben der Göttin in dir» orientiert sich zum Beispiel an einem alten Mythos. Nämlich? Die Göttin Ischtar hat ihren Liebhaber Dumuzi verloren. Er ist gestorben und wird von der Göttin des Todes Ereschkigal im tiefsten Zentrum der Erde gefangengehalten. Ischtar trauert und bittet Ereschkigal, Dumuzi auf die Erde zurückkehren zu lassen damit die Vegetation wieder neu belebt werden kann, denn der Ursprung der Geschichte ist ja ein Fruchtbarkeitsmythos. Die dunkle Göttin antwortet: «Ja, aber du musst ihn selbst befreien!» Und so muss Ischtar herabsteigen. Und an den sieben Toren zur Unterwelt muss sie ihren äusseren Glanz sieben Geschmeide oder sieben verschiedenfarbige Schleier ablegen, damit die Wächter sie eintreten lassen. Gemeint sind damit natürlich die sieben Chakren. Psychologisch gesehen bedeutet das, dass sie auf jeder Ebene ihre Schattenseiten erkennt Traumata, Ungleichgewichte, ungeklärte Erlebnisse. Und in dem Masse, wie sie sich bei ihrem Abstieg damit auseinandersetzt, wird ihr Geliebter wacher und lebendiger. Am Ende kann sie sich ganz mit ihm vereinigen. Sie hat ihre männliche Seite gefunden eine Balance zwischen dem «Männlichen» und dem «Weiblichen», zwischen Anima und Animus und kann nun zusammen mit ihm den Aufstieg wagen, das heisst auf jeder Körperebene die Balance herstellen. Wie setzt du diesen Mythos im Seminar um? Ich animiere die Teilnehmerinnen zu Bewegungen, mit denen sie verdrängte Schattenseiten ausdrücken können, ich ermuntere sie, psychische Extreme auszutanzen. Nehmen wir einmal die Ebene des Territorialen, die Beckenbodensymbolik: Frauen sind es oft nicht gewohnt, sich aggressiv, raumfüllend, besetzend zu verhalten, jedenfalls nicht offen. Das wird den Männern überlassen, den Geldhaien, den «Bösen». Andererseits glauben Frauen heute oft auch, sie dürften bloss nicht ausweichen, zurücktreten, das wäre Schwäche vor dem Feind, Schüchternheit, mangelndes Durchsetzungsvermögen, also konventionelles weibliches Rollenverhalten und einer modernen Powerfrau unwürdig. Aber Ausweichen kann ebenso eine Tugend sein, wie Durchsetzen eine Tugend sein kann. Wir brauchen beides, Ischtar und Dumuzi, und dann können wir auch die Mitte finden. Es geht aber nicht nur darum, in der Mitte zu bleiben, sich festzuhalten, sondern... ... eben beide Möglichkeiten zu haben. Wenn unser Mittelpunkt immer feiner und subtiler wird das erreichen wir im Seminar durch subtile Wellenbewegungen und Meditationsübungen , dann können wir spielerisch ins Extrem gehen. Und dann hören wir auch auf zu werten. Es ist wichtig, dass wir auf jeder symbolischen Körperebene aufhören zu werten oder zu glauben, dass irgend etwas schlecht oder gut ist. Du kommst vom Orientalischen Tanz her und ich glaube, es fühlen sich viele Frauen angesprochen, die Erfahrungen im Bauchtanz... Da muss ich erstmal sagen, dass «Bauchtanz» ein kolonialistischer Ausdruck is, der den Kulturschock der Franzosen widerspiegelt, als sie im letzten Jahrhundert auf ihren Orientreisen beobachtet haben, dass sich beim Orientalischen Tanz auch der Bauch in Wellen bewegt. Deshalb «Danse du ventre». Du verwendest in deine Seminaren sowohl Ausdrucktanz wie auch Formen aus dem Orientalischen Tanz? Die Idee des Orientalischen Tanzes bestand ursprünglich darin, das Aufsteigen der Kundalini-Energie zu zeigen und zu unterstützen. Das heisst, die Tänzerin bewegte heftig und leidenschaftlich die Hüften, vollzog gleichzeitig weiche Bewegungen mit dem Oberkörper, breitete die Arme liebend aus, liess Hals und Kopf seitlich hin und her gleiten. Aber die Kerze, die sie ganz oben als Sinnbild der Erleuchtung auf dem Kopf trug, war still und ruhig. Das heisst, sie war sowohl auf der Erde in ihren Instinkten verwurzelt, wie auch auf der Herzebene mit ihren Gefühlen vereint, sie konnte das Publikum mit ihren Blicken, ihrer magischen Aufmerksamkeit fesseln und war gleichzeitig in einem reinen, formlosen Bewusstsein gegenwärtig. Insofern war dies ein sakraler Tanz, der Erde und Himmel in der Gestalt der Tänzerin vereinte. Ich kann mir vorstellen, dass Ausdruckstanz und Improvisation etwas befremdend wirken auf Leute, die vom Orientalischen Tanz herkommen, wo sie klare Abfolgen haben und sogar die Handstellung vorgegeben ist. Ich hatte manchmal mit Bauchtänzerinnen zu tun, die mit dem Gürtel da standen und zunächst einmal richtig schockiert waren. Manche von ihnen hatten massive Schwierigkeiten in die Ausdrucksbewegung zu gehen. Aber wir machen, um die Hemmungen abzubauen, Aufwärmübungen mit Elementen aus «contact improvisation», wo man sich auf dem Boden oder am Körper einer anderen Person entlangrollt und mit geschlossenen Augen nicht mehr weiss, welcher Arm und welches Bein zu welcher Person gehört. Man spürt nur Raum, Schwere. Auch verschiedene Shimmies, dieses tänzerische Zittern, können auflockern. Ausserdem versuche ich das Ganze möglichst nicht zu ernsthaft aufzuziehen, das Lachen heitert die Situation auf... und dann sehe ich, wie Bauchtänzerinnen, die sich manchmal stilvoll und kontrolliert wie im Ballett bewegen, plötzlich loslassen, die Form verlassen und sich haltlos, scheinbar unästhetisch bewegen. Und letztlich sieht es doch sehr schön und spannend aus etwa wenn die Diva zum läufigen Tierweibchen, zur Schimpansenfrau, wird. Ist es nicht eine grosse Herausforderung für Frauen, die das Erotische, das Lustvolle suchen, wenn du sie mit ihren Schattenseiten konfrontierst? Manche projizieren bei der Lektüre meiner Büchern ihr eigenes tänzerisches Über-Ich auf mich und glauben, ich müsste die eine strahlende Superbauchtänzerin sein. Genau das bin ich nicht! Mir geht es um den Ischtar-Prozess, wo man in die ungeliebten Seiten und Erlebnisse eintritt, wo man Gesten der Ablehnung, der Gier, der Sucht, der Frigidität, auch des «Schmutzigen» und Tabuisierten in der Erotik körperlich formuliert. Das alles ist menschliches Theater, das sind die psychologischen Korrelate der sieben Körperebenen. Heisst das, du arbeitest therapeutisch? Nein, absolut nicht. Ich versuche nur, den Frauen ihren Reichtum an Ausdrucksmöglichkeiten vor Augen zu führen, wenn sie einmal ihre dunklen Schätze heben. Was sie dann damit machen, darauf habe ich keinen Einfluss. Aber ich stell ihnen Übungen zur Verfügung, mit denen sie immer wieder in die Mitte, ins Gleichgewicht kommen können. Du wendest dich vor allem an Frauen? Ja, zur Zeit schon, weil ich es aus der Tanzerfahrung so gewohnt bin, und auch gerne mit Frauen arbeite. Aber ich hätte sehr viel Lust, mal allein nur mit Männern zu arbeiten. Ich als einzige Frau (lacht). Gemischte Gruppen finde ich schwierig, weil Frauen dann oft Hemmungen aufbauen. Ausserdem glaube ich, dass die Energie von Männern anders ist als die von Frauen. In einem deiner Bücher habe ich gelesen, dass, wenn sich bei einer Frau durchs Tanzen eine Verspannung löst, sich irgendwo auf dem Globus ebenfalls eine Spannung löst. Das ist die Vorstellung von den morphogenetischen Feldern, ein Begriff, den der Biologe Rupert Sheldrake geprägt hat. Hier möchte ich auf den prinzipiellen Unterschied zwischen einer Show, einem Tanzauftritt einerseits und einem Ritual oder einer Performance andererseits verweisen. Es gibt heute viele Orient-Shows, wo alle möglichen historischen Stadien, Ackerbaukulturen, Despotien etc. und alle möglichen Stilmittel wild durcheinandergemischt werden, nur dass es irgendwie orientalisch aussieht, mit Pluderhosen und Glitzerglimmer. Das ist äusserlich, formal. Mir ist es wichtig, mit Frauen etwas anderes zu entwickeln: Performances oder Rituale. In der «performance-art», die in den letzten drei Jahrzehnten entstanden ist, werden bestimmte Aktionen gesetzt, die jetzt und hier eine bestimmte Bedeutsamkeit, eine bestimmte Message oder aber gar keine Message, dafür eine bestimmte Energie vermitteln. Die Tänzerin klimmt vielleicht eine Mauer hoch und wirft von oben Geldstücke, Blumen oder irgendwelche Plastiktiere hinunter. Das Publikum kann dann über Plastiktiere nachdenken und über den hohen Fall von der Mauer. Es ist ein Arbeiten mit der Umwelt, mit der Intuition der Künstlerin, mit dem Körper auch, aber der Körper unterliegt keinen Regeln. Wie ist es denn bei Ritualen? Bei Ritualen geht es in dieselbe Richtung, es geht um eine besondere Art der Aufmerksamkeit. Man vollzieht gemeinsam oder auch allein eine bestimmte Handlung, zum Beispiel mit Wasser, mit Feuer oder mit dem eigenen Körper. Bestimmte Bewegungselemente, Rhythmen, Silben werden verwendet, um ein Kraftfeld zu bilden, ein morphogenetisches Feld. Das Ritual wird zwar jetzt an diesem Ort vollzogen, aber die Aufmerksamkeit ist so fokussiert, dass eine Art vibrierende Wellenausstrahlung in den Äther geht und vielleicht von Menschen an anderen Orten aufgefangen wird. Eine bestimmte Energie, aufgebaut auch durchs Bewusstsein der anwesenden Leute, breitet sich dann aus? Ein kleines Beispiel: Wenn in einem marokkanischen Dorf bei einer Geburt Frauen mit Wellenbewegungen und diesem indianisch klingenden Zungenträllern um die Gebärende herumtanzen, so bilden sie ein magisches Feld. Die Gebärende wird auf diese Weise im Geburtsvorgang unterstützt, in Wellen von Kontraktion und Loslassen, und kann auf diese Weise eine gute Geburt erleben. Gleichzeitig stehen sie damit im Kontext einer mindestens sechstausend Jahre alten Tradition, einem Kraftfeld von Wellenbewegungen. Denn so alt sind die ältesten Tonfigürchen, an denen man die Wellenbewegung ablesen kann. Ein wichtiges Thema in deinen Büchern ist sakrale Erotik, also die Verbindung von Erotik und Spiritualität in früheren Kulturen... Bei meinen geschichtlichen Studien habe ich festgestellt, dass es noch bis in die christliche Zeit die erotischen Tempel gegeben hat, wo sakrale Eros-Priesterinnen zeremonielle sexuelle Vereinigungen mit Männern vollzogen. Da war das Heilige und das Erotische zusammen. Ein neuer König wurde in Babylon zum Beispiel dadurch rituell inthronisiert, dass er sich mit der Hohepriesterin sexuell vereinigte. Es gibt Hymnen, da spricht die Priesterin der Göttin zu ihrem erwählten König, den sie durch den Beischlaf segnet und auf seine Amtszeit vorbereitet: «Löwe, lass mich dich liebkosen, meine Zärtlichkeit ist süsser als Honig. Lass uns im Schlafgemach deine anmutige Schönheit geniessen!» Es wird beschrieben, wie der König mit stolz erhobenem Haupt zum «Heiligen Schoss» ging. Kannst du dir vorstellen, dass etwas Ähnliches in unserer Gesellschaft wieder möglich wird? Sollen die Kirchen oder die Bordelle zu Liebestempeln werden? Gute Frage. Heute gibt es ja keine Institutionen, in der beides vereint ist. Der «Heilige Körper» der Erospriesterinnen wurde zerstückelt. Da haben wir einerseits die Nonnen, die das Sakrale verkörpern, insofern sie beten und meditieren und oft auch ökonomisch selbständig sind , aber das Erotische fehlt. Auf der anderen Seite haben wir die Prostituierten, die für Erotik zuständig sind, aber denen nichts Sakrales oder Sprirituelles zugestanden wird. Dann gibt es noch die «Bauchtänzerinnen». Zumindest von der Bewegung her hätten sie alle Körperebenen, Hüfte, Bauch, Brustkorb, Arme, Hals, Kopf, vielleicht auch eine Kerze. Aber sie distanzieren sich oft schroff von jeder Unterstellung, dass sie erotischen Tanz aufführen und retten sich vor der Erotik in das Streben nach tänzerischer Perfektion. Eigentlich schade! Aber das zeigt nur, wie tief bei der «anständigen» Frau die Angst vor der Gosse sitzt. Es zeigt auch, wie schwierig es wäre, eine solche Institution wie die antiken Erostempel wieder aufleben zu lassen. Ausserdem ist unsere Gesellschaft sehr anonym, individualistisch und kommerziell. Die Leute lernen sich kennen, gehen wieder auseinander, es gibt eine grosse Fluktuation zwischen Menschen. Insofern ist die Kontinuität gemeinsamer Zeremonien und Rituale oder auch erotischer Bildungsprozesse nicht so leicht zu gewährleisten. Vielleicht trägt die Idee des «Ritual of Rising Energy», das eine Art Kundalini-Tanz ist, dazu bei, dass einzelne Personen ihre psychische Integriertheit erleben, auch körperlich und energetisch erleben. Und so die Erotik als Teil ihres Lebens akzeptieren... Richtig: Dass sie ihre von der Kirche ererbte Erotikabwehr oder auch die Härten der heutigen Powerfrau mal anschauen, auch freundlich anschauen, und in die Verspannungen, die körperlich damit einhergehen, hineingehen, sie erleben und vielleicht lösen. Oder auch in erotische Sehnsüchte oder in sexuelle Traumata. Wichtig finde ich dabei, dass wir nicht ins Gegenteil verfallen und den Bereich, den die Kirche herausgeschnitten hat, plötzlich überbetonen und alles über Erotik aufziehen. Es gibt eine Menge von Erfolgserlebnissen oder Erfüllungserlebnissen, die nicht über Sexualität laufen. Ich kann durchaus am Computer sitzen und beim Schreiben fast orgastische Zustände haben, einfach weil ich die Verbundenheit der beiden Gehirnhälften spüre und mich das so richtig antörnt. Übrigens ist die Schwingungsfrequenz meines Laptops so angenehm, dass ich gern noch ein paar weitere Bücher schreibe (lacht). Erschienen in TANTRA Nr. 8, Juli 1997. © Alle Rechte der Texte und Bilder liegen beim Herausgeberverein YABYUM, Zürich, und den Autoren und Autorinnen. |
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