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Instrumente zur TransformationVon Nik Douglas, dem Autor des Longsellers «Das grosse Buch des Tantra. Sexual Secrets&»; erschien vor kurzem ein neues Buch, die Frucht seiner dreissigjährigen Auseinandersetzung mit Tantra. Zum westlichen Neo-Tantra meint er, es stecke noch in den Kinderschuhen, die wirklich verändernde Kraft komme dem traditionellen Tantra zu. TANTRA: Vor kurzem ist Ihr neues Buch herausgekommen. Jedes Jahr erscheinen einige Tantra-Bücher. Was unterscheidet Ihr Buch von ihnen? Nik Douglas: Für viele Leute ist Tantra eine neue Erscheinung bzw. ein «Kind¯ der 60er Jahre. Sie sind sich nicht bewusst, dass Tantra in einem alten und tiefsinnigen Kontext steht. Deshalb machte ich mich daran, dieses schiefe Bild zu korrigieren. Das Resultat ist «Spiritual Sex. Secrets of Tantra from the Ice Age to the New Millenium¯. Es ist die Frucht von gut dreissig Jahren Forschung im Bereich Tantra und von der Auseinandersetzung mit Leuten, die sich dafür interessieren. Es ist eine Art Sachbuch und ich glaube, dass seine Bedeutung eine Weile lang halten wird. Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist, dass ich den Spuren von Tantra nachgehe, die von den frühen Kulturen des Mittleren und Fernen Ostens bis nach Europa und Amerika führen. Das Kapitel über Amerika unterscheidet dieses Buch ebenfalls von anderen. Ehrlich gesagt, handeln die meisten neu herauskommenden Bücher von Neo-Tantra. Damit meine ich ein Tantra, das an die westlichen psychosexuellen Bedürfnisse adaptiert wurde. Es wird als eine Art Sexualtherapie gesehen. Tantra ist jedoch weit mehr und, wie die Leser und Leserinnen meines Buches sehen werden, es hat grosse Bedeutung für christliche, jüdische und westliche Mystiken. Die meisten Leserinnen und Leser kennen Sie als Autor von «Das grosse Buch des Tantra¯, das Sie vor bald zwanzig Jahren zusammen mit Penny Slinger veröffentlicht haben. Es bietet Grundlagenwissen, zeigt tantrische Techniken und es führt in die hinduistisch-tantrische Kultur ein. Hat sich in der Zwischenzeit Ihr Verständnis von Tantra oder seine Bedeutung geändert? Falls sich meine Sicht überhaupt verändert hat seit dem Erscheinen von «Das grosse Buch des Tantra¯, dann nur infolge natürlichen Wachstums, so wie einem Baum zwar neue Äste und Blätter wachsen, der Stamm jedoch derselbe bleibt. Das neue Buch bringt mehr historische Informationen zu Tantra und hochaktuelles Material zu Internet und was sich weltweit tut im Bereich Sexualität und Spiritualität. Vieles von dem, was ich im Buch zusammengetragen habe, resultierte aus Fragen, die Leser und Leserinnen von «Das grosse Buch des Tantra¯ gestellt haben. Ich bekam tausende von Briefen aus aller Welt und konnte nur wenige beanworten. In gewisser Weise, so hoffe ich, übernimmt das neue Buch diese Aufgabe. Welche Bedeutung hat Tantra in unserer Zeit? Tantra beinhaltet eine seit langer Zeit erprobte Möglichkeit, das Leben voll zu geniessen und durch die Sinne die eigene spirituelle Entwicklung fördern. Und heutzutage interessieren sich die Leute sowohl für Sinnlichkeit wie für Spiritualität. Hinzu kommt der hohe Stellenwert der Wissenschaft in der heutigen Gesellschaft. Das echte Tantra ist wissenschaftlicher Natur. In alten Zeiten waren viele Tantriker Yogi-Wissenschafter. Sie prüften jedes Ding genau und benützten dafür ihren Körper und die Sinne als eine Art Labor. Sie befassten sich mit allen möglichen Wissenschaftszweigen, insbesondere mit Medizin, Physik, Chemie, Astronomie und Mathematik. Wenn Tantra nicht einfach ein New-Age-Kult oder ein Art Sexualtherapie ist, was ist es dann? Tantra ist ein Glaubenssystem, eine Philosophie und eine Lebensweise. Es ist eine weltweit verbreitete Kultur, die schon seit sehr langer Zeit besteht, und die wahrscheinlich weiterhin existieren und wachsen wird. Nur im sogenannt dunklen Zeitalter, als die Leute voller Aberglauben waren und die christliche Kirche das Sagen hatte, gab es diese Lebensweise nicht mehr. Mit dem Ergebnis, dass die seit alten Zeiten existierenden heidnischen Wurzeln des Tantra vergessen gingen. Oder sie wurden unterdrückt, weil Tantra die Sexualität als machtvolle kreative Kraft feiert, wohingegen die christliche Kirche Sex als Sünde betrachtet. Ich denke, viele Leute sind mit Ihrer Definition von Tantra als Glaubenssystem, d.h. als Religion, nicht einverstanden, sie sehen Tantra eher als Lebens- und Liebesschule. Ich habe kein Problem mit der modernen Definition von Tantra als Liebes- und Lebensschule. Denn natürlich ist Tantra eine Lebens- und Liebesschule, aber es ist viel mehr als das. Was sind denn die wichtigsten Glaubenssätze? Um diese zu verstehen, ist es vorerst wichtig, zu wissen, was die Glaubensvorstellungen in heidnischen Kulten und im Wicca-Kult sind. Denn darauf basieren die tantrischen Glaubenssätze, erweitert durch einige Erkenntisse aus Wissenschaft und Kunst. Sie beinhalten, 1. an die Unsterblichkeit von Geist und Seele zu glauben, 2. an die Korrelation zwischen Mikrokosmos, dem Individuum, und dem Makrokosmos, dem Universum, zu glauben, 3. das Karma zu akzeptieren, das Schicksal, das sich durch Ursache und Wirkung manifestiert, 4. das Göttliche in Frau und Mann zu sehen, ihr höheres Wesen, das sich sowohl in physischen wie in psychologischen Bereichen ausdrückt, 5. anzuerkennen, das die Natur weise und heilig ist, 6. anzuerkennen, dass Streben nach Vergnügen ein positives Tun ist, das Entwicklung bringt, 7. die Macht des Willens anzuerkennen und die Mittel, diese mit mystischen Praktiken, zum Beispiel mit Atemkontrolle oder mit Mantras, bewusst zu aktivieren, 8. anzuerkennen, dass die letzte spirituelle Wahrheit ausserhalb der Dualität liegt, jenseits von Gut und Böse, die beides kulturspezifische Begriffe sind. Haben Sie keine Angst, als Anhänger einer New-Age-Sekte angesehen zu werden? Ich fürchte gar nichts, am allerwenigsten, von Unwissenden Etiketten angehängt zu bekommen. Alle, die sich gründlich mit Tantra befassen, entdecken, wie alt es ist und wie gross seine Bedeutung für heute ist. Ich begrüsse selbstverständlich auch das New-Age-Tantra. Nur ist es nicht so wirkungsvoll, weil es im Allgemeinen keine machtvolle Tradition von Initiation und Übertragungslinie hat wie das Tantra der «Alten Zeit&»;. Ich glaube, dass das New-Age-Tantra möglicherweise auch ¯volljährig¯ und zu einer Religion reifen wird. Schliesslich ist auch die Popkultur aus einer obskuren und radikalen musikalischen Form entstanden, die in erster Linie von Minderheiten gepflegt worden war. Sie selber sind in traditionelles hinduistisches Tantra initiiert worden... Ich erhielt eine formelle Einweihung in verschiedene Formen von hinduistischem Tantra, von Durga Das Shastri, von Gangotri Baba und auch von anderen. Auch in buddhistisches Tantra wurde ich eingeweiht, von Lama Kunzang Rinzing in die tibetisch-buddhistische Nyingmapa-Tradition, und von Gyalwa Karmapa in die Karma-Kargyudpa-Tradition. Ich nahm alle diese Einweihungen sehr ernst. Ich bereitete mich in der verlangten Art und Weise vor, vollführte die verlangten Übungen und erfüllte alle. Ich schätze mich besonders glücklich, diesen Meistern begegnet zu sein und von ihnen als Schüler angenommen worden zu sein. Geben Sie die Lehren auch weiter? Ja, ich lehre auf verschiedenen Ebenen. Erstens durch meine Bücher, dann über diejenigen, denen ich von Angesicht zu Angesicht begegne und schliesslich auf einer mehr feinstofflichen, einer geistig-spirituellen Ebene. Alle traditionellen Tantra-Schulen verlangen eine solide Grundlage, damit die Initiation wirksam werden kann. Das Studium ist wichtig. Durch meine Bücher versuche ich, alle ernsthaft Interessierten mit einem breiten Spektrum an Hintergrundinformationen vertraut zu machen und mit praktischen Ratschlägen zu unterstützen. Mit einem Buch ist das anders möglich als in einem Gespräch, das leicht vergessen geht. Du kannst darin immer wieder nachlesen. Ich versuche, die Grundlage des traditionellen Tantra auszuweiten, hinduistische, buddhistische und heidnische Traditionen aus verwandten Kulturen zu verbinden, und so einen, wie ich meine, hybriden Überblick zu schaffen. Ich hoffe, dass sich die interessierten Leser und Leserinnen zu dem einen oder anderen Aspekt speziell hingezogen fühlen und dann versuchen, eine Verbindung zu bekommen, die ein vertieftes Lernen und einen initiatorischen Weg ermöglicht. Wie halten Sie es mit dem direkten Lehren? Ich denke, viele Leute interessieren sich für Tantra, weil sie sich ein besseres Sexualleben erhoffen. Tantra soll sie lehren, besser zu vögeln oder gevögelt zu werden. Natürlich kann Tantra dabei helfen, aber es ist weit mehr als sexuellen Vorgänge oder äusserlichen Szenarien. Tantra ist weitgehend ein innerer Prozess. Um das Optimum oder Maximum herauszuholen, muss ein Mensch wissen, woran er glaubt, und er muss ernsthaft und gezielt nach spiritueller Entwicklung streben. Deshalb bin ich zurückhaltend, was Lehren anbelangt. Ich denke, es ist keine harmlose Sache. Es kann bedeuten, dass eine Menge von karmischer Energie bearbeitet werden muss. Tatsächlich kann es sehr hart sein, mit Energien umzugehen, die oftmals lange Zeit unterdrückt waren, die sich in Form von Gewalt oder Gefühlen äussern. Und ich glaube nicht, dass Tantra in grossen Gruppen gelehrt werden kann. In allen Traditionen, die ich kenne, wird Tantra in intimen Gruppen, idealerweise zu zweit, gelehrt. Zudem kannst du nicht hetzen, wenn du Tantra lehrst. Es braucht Zeit, bis sich Resultate zeigen. Viele Leute suchen heutzutage Schnellschüsse, Wochenendkurse. So etwas mache ich nicht. Was sind Ihre Wünsche an der Schwelle zum neuen Jahrtausend? Ich wünsche, dass diejenigen, die die Wahrheit der spirituellen Realität in Frage stellen, ihre Zweifel wegpacken. Ich wünsche, dass sich die Menschen der grundlegenden Fakten bewusst werden, die Tantra lehrt: Unsterblichkeit der Seele, die Macht des Karma, die Wahrheit der Reinkarnation, die Wirksamkeit von Mantras und der mystischen Künste. Ich wünsche, dass die westlichen Menschen dieses Wissen nützen werden als Instrumente zur Transformation. Dann können wir erwarten, im neuen Jahrtausend am Goldenen Zeitalter teilzuhaben. Interview und Übersetzung: Regula Schenkel Erschienen in TANTRA Nr. 10, August 1998. © Alle Rechte der Texte und Bilder liegen beim Herausgeberverein YABYUM, Zürich, und den Autoren und Autorinnen. |
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