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Kauderwelsch



Er hat in den 60er und 70er Jahren die sexuelle Revolution in Deutschland schlafzimmerfähig gemacht: Oswalt Kolle ist seit seinen Serien für «Quick» und «Neue Revue» und seinen Filmen («Das Wunder der Liebe», «Der Mann – Das unbekannte Wesen») der Aufklärer der Nation. Als Referent eröffnet er das 2. Forum für Eros, Sexualität und Transzendenz (f.e.s.t.) in Zürich.

YABYUM: Eros, Sexualität und Transzendenz, was reizt Sie an diesem Themenkreis?

Oswalt Kolle: Prinzipiell begrüsse ich alle Versuche, Sexualität aus der dumpfen verschwitzten Sphäre kleinbürgerlicher Körperlichkeit herauszuholen. Wonach wir streben sollten, ist die Entwicklung einer Sexualkultur. Ob das mit Hilfe grosser Worte wie Transzendenz gelingen kann, bezweifle ich als Pragmatiker.

Verstehen Sie in diesem Zusammenhang die gegenwärtige Sehnsucht einer Verbindung von Sexualität und Spiritualität als ernst zu nehmenden Versuch oder modischen Trend?

Zu allen Zeiten haben Menschen versucht, ihrer Sexualität wie ihrem Leben einen übergeordneten Sinn zuzuschreiben. Nachdem die klassischen Religionen noch immer die Sexualität in ihren Sündenkatalog aufnehmen, ist es ganz verständlich, wenn Menschen danach streben, mit Hilfe von spirituellen Erfahrungen die positiven Kräfte der Erotik zu wecken und zu verarbeiten. Vor modischen Trends warne ich in jeder Hinsicht: Frauen und Männer sollten mehr in sich hineinhorchen, anstatt irgendwelchen heilsbringenden Lehren zu folgen. Wer allerdings durch esoterische Erlebnisse wirklich Hilfe für sein persönliches Leben bekommt, der sollte sich auch von kritischen Stimmen nicht beeinflussen lassen.

Das Zauberwort, wenn es um Sexualität und Spiritualität geht, heisst «Tantra». Was halten Sie davon? Haben Sie eigene Erfahrungen damit gemacht?

Mit dem Begriff Tantra kann ich wenig anfangen. Ich glaube auch nicht, dass sich westlich orientierte und sozialisierte Menschen fernöstliche Philosophie aufpfropfen lassen, gar in Kurzkursen. Beim Besuch einer Tantra-Schule erlebte ich Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die durch unverständliches Kauderwelsch bewiesen, dass sie nichts vom tieferen Sinn verstanden hatten. Mich stört auch das Quasi-Religiöse in solchen Bestrebungen. Aber, wie man in Bayern sagt: Wers mag, für den is' es das Grösste.

Sind Liebes-Schulen oder Tantra-Gruppen aus Ihrer Sicht als Aufklärer – im doppelten Sinn des Wortes – einfach eine weitere Form der allgemeinen Vermarktung von Sexualität und Gefühlen?

Ob Tantra oder nicht: Ich halte Liebesschulen grundsätzlich für eine gute Einrichtung, wenn Menschen darin lernen, mit ihrer eigenen Lust, ihrer Sinnlichkeit, ihrer Erotik freier und fliessender umzugehen, ohne diesen ganzen Ballast anerzogener Hemmung und Scham. Welche Wege dahin führen, halte ich nicht für wichtig: Das Ziel, Menschen freier zu machen, eifersuchtslos, weg vom Besitzdenken zu kommen, scheint mir das Entscheidende. Das Gerede von der Vermarktung ist pure Heuchelei: Es ist völlig legitim, wenn mit solchen Schulen auch Geld verdient wird.

Interview: Edi Goetschel



Erschienen in YABYUM Nr. 2, November 1999.

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