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Mythos Monte VeritàVon Edi Goetschel Nein, Tantra hat es damals noch nicht gegeben. Oder es wurde noch nicht so genannt. Aber es wurde vorgedacht und in den phantastischsten Ansätzen vorgelebt. Denn es ist ein offenes Geheimnis: Was heute gemeinhin als Tantra gilt, ist wesentlich geprägt von der Lebens- und Liebesreform seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung zur Industrialisierung, zu Kapitalismus und Materialismus. Und diese wurde an keinem anderen Ort in solcher Vielfalt vorgeführt wie auf und um den Berg bei Ascona, auf dem eine kleine Gruppe um Henri Oedenkoven, der Sohn eines reichen Industriellen aus Antwerpen, und die Klavierlehrerin und Frauenrechtlerin Ida Hoffmann im November 1900 eine vegetabilische Kolonie mit einer Naturheilanstalt gegründet hatte. Der Monte Verità wurde zum Brennpunkt aller Utopien, die Europa kannte, zur Projektionsebene für im Norden entwickelte Paradiesvorstellungen. Rund 600 Lebensläufe von Wahrheitssuchenden und -verkündenden und deren Verstrickungen sind es, die der Ausstellungsmacher Harald Szeemann in seiner legendären Schau über den Mythos Monte Verità (1978/79) aufarbeitete und ausbreitete. Michail Bakunin gehört genauso dazu wie Erich Mühsam, Friedrich Glauser, Hugo Ball und Emmy Hennings, Rainer Maria Rilke, Else Lasker-Schüler, Hans Arp und Sophie Taeuber, El Lissitzky, Oskar Schlemmer oder Heinrich Vogeler. Und Dr. med. Otto Gross (1877-1920) war auf dem Monte Verità, von dem Sigmund Freud in einem Brief an Carl Gustav Jung schrieb, sie Jung und Gross seien seine einzigen originellen Schüler. Der 1906, kokain- und morphiumabhängig, nach Ascona kam, um sich von den Drogen zu entwöhnen, da er und seine Frau ein Kind haben wollten im Jahr darauf machte Hermann Hesse dort eine Alkoholentziehungskur , 1908 im Burghölzli in Zürich, wo Jung damals Oberarzt war, einen Entzug und eine Analyse begann, aber über die Anstaltsmauer flüchtete, und 1910 wieder nach Ascona kam, wo er eine «Anarchistenschule» gründen wollte. Was Gross in seinen Schriften theoretisch entwickelte, lebte und litt er kompromisslos durch seine Verbindungen und Verhältnisse: die Befreiung des Individuums durch die Befreiung von den herrschenden bürgerlichen Konventionen und Machtverhältnissen, insbesondere der Ehe und Familie und der damit verbundenen sexuellen Moral, die er auch als Befreiung der Frau aus ihrer Abhängigkeit vom Mann verstand. «Es gehört», schreibt der Zürcher Psychiater und Gross-Biograph Emanuel Hurwitz, «zum Weltbild Otto Gross', in der sexuellen Immoralität den wichtigsten Schritt zur Befreiung des Menschen überhaupt zu sehen.» Wie das für einen Aussenstehenden gewirkt haben mag, kolportiert der Schrifsteller Robert Landmann in seiner Chronik «Monte Verità. Geschichte eines Berges», die 1930 erschienen und dieses Jahr neu aufgelegt worden ist: «‹Ausleben!›» hiess die heilige Formel, an die das Gebot blinder Erfüllung geknüpft war.» Und er weiss: «In den geflüsterten Erzählungen der Asconesen spuken noch heute haarsträubende Darstellungen von den Orgien, die die unheimlichen Grossianer begingen, um sich ihre Hemmungslosigkeit zu beweisen. Eine Zeitlang zogen sie sich in ein gemietetes Stallgebäude zurück und verpönten in denkbar weitestem Masse jegliche Hemmungsäusserung. Es herrschten in dem primitiven Milieu unbeschreibliche Zustände, die viel gemeinsam hatten mit den Unarten kleiner und kleinster Kinder und mit den Auswüchsen gewisser studentischer ‹Schweineabende›.» Das ist der Stoff, aus dem auch die Skandalgeschichten eines Otto Mühl und seiner Aktions-Analytischen Organisation AAO in den 70er Jahren sind mit ihrer Revolte gegen die verklemmte Kleinfamilie, und auch noch von Bhagwan und seinem Poona als Fluchtdestination für Babyboomer auf der Suche nach Sinn und Sinnlichkeit in den 80er Jahren. Tantra, wo die archaischen Hemmungen längst zu Blockaden domestiziert worden sind, zehrt nach wie vor von beiden mit einer eigenartigen Mischung aus Abscheu und Bewunderung. Und auch Theodor Reuss (1855-1923) war auf dem Monte Verità, Opernsänger, der bei der Premiere von Richard Wagners «Parsifal» 1882 in Bayreuth aufgetreten sein soll, Journalist, Mitglied der British Social League wie behauptet wird, um die Tochter von Karl Marx für die Preussische Polizei auszuspionieren , Kopf des mysteriösen «Ordo Templis Orientis» (O.T.O.) und als solcher Vorgänger des gefürchteten Magiers Aleister Crowley. 1916 oder 1917 gründete er auf dem Berg der Wahrheit die Loge «Verita Mistica» und proklamierte dort im Januar 1917 eine Verfassung des O.T.O. Im Sommer desselben Jahres fand auf dem Monte Verità unter seiner Leitung der «Congrès Cooperatif Anational de la Confrèrie des Illuminés Hermetiques» statt während diesem wurden Gedichte von Crowley vorgetragen samt Sonnenfest mit Freilichtaufführungen der Schule Rudolf von Labans, dem Pionier des freien Tanzes und damit ein Wegbereiter der Tanztherapie und Körperarbeit, unter Beteiligung seiner bekannten Schülerin Mary Wigman (bei der später in Berlin der Tantra-Leherer Andro Kurse besuchen wird) beide bereicherten im Winter mit ihren Produktionen auch die Zürcher Dada-Szene. Heiliger Ernst und die Lust am Spiel mit dem Absurden, der Glaube an eine bessere oder andere Welt und Scharlatanerie in Reinkultur sind nicht zu trennen. Für Landmann jedenfalls bietet sich die Gelegenheit für eine weitere farbige Schilderung, wenn er sich an Reuss und den O.T.O. erinnert: «Alle Verdrängungen, alle unerfüllten Sehnsüchte hofften auf Erlösung. Und die Phantasie steigerte die Möglichkeiten bis zu den höchsten Exzessen; die künstlich erzeugten mystischen Stimmungen weckten Gelüste, die sonst tief in den Menschen schlummern.» Und: «Unklare Weihehandlungen, süsslich duftende Dämpfe, teilweise Entkleidung, aufpeitschende Musik schufen eine Schwüle, die den Teilnehmern bald den Rest der Besinnung raubte. Sie gerieten in einen Taumel, durch den alles weitere Geschehen, das bei Licht besehen, einfältig und schamlos angemutet hätte, sublimiert wurde.» Reuss selbst beschrieb die höheren Weihen, die «Mysteria Mystica Maxima» des O.T.O., sachlich als Yoga-Übung zur «Transmutation der Reproduktions-Energie»: «Im Reproduktions-Organ (männlich und weiblich) ist auf den kleinsten Raum die grösste Vitalkraft konzentriert.» Und er erklärte: «Im Verlaufe der ziemlich umständlichen Übung konzentriert der Übende seine Gedanken, dass er die Reproduktions-Energie aus dem Organ heraufzieht zum Solar-Plexus (Sonnengeflecht), wo er ‹will›, dass es aufgespeichert werde zu Transmutationszwecken. Damit wird ein genau geregeltes Atmen verbunden. Daran schliesst sich der Aktus der Transmutation der Energie, und schliesslich tritt die Grosse Vereinigung ein, wo der Übende zum Seher wird bei vollem Bewusstsein und das Gesehene erlebt.» Nichts anderes als das, was heute in Tantra-Workshops geübt wird. Mit und manchmal ohne die Sinne betörende Inszenierungen. Erschienen in YABYUM Nr.4, Oktober 2000. © Alle Rechte der Texte und Bilder liegen beim Herausgeberverein YABYUM, Zürich, und den Autoren und Autorinnen. |
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