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Brief an Eleonore



Von Daniel Odier

Eleonore ist ein kleines Mädchen von sieben Jahren. Sie schrieb mir einen Brief, in dem sie mir ohne Umschweife acht Fragen stellte. Es sind wunderbare Fragen, weil es die wesentlichen Fragen sind, die sich alle Menschen stellen und auf die sie nie eine wirkliche Antwort bekommen. Sie stellen sie deshalb so, dass sie nur noch ein Schatten der ursprünglichen Fragen sind. Es sind die allerersten und die letzten Fragen. Sie lauten:

  • Gibt es Gott?
  • Wo in meinem Körper ist er?
  • Womit lässt sich unser Herz vergleichen?
  • Warum ist es so klein?
  • Warum ist der Körper nicht wie ein Regenbogen?
  • Wozu lebe ich? Ich habe doch nichts als Sorgen.
  • Warum liebt man?
  • Was ist die Liebe?

    Liebe Eleonore

    Ich schreibe dir hier meine Antworten auf deine Fragen. Im Leben wirst du Menschen begegnen, die dir andere Antworten geben werden, und du wirst sehen, sie alle denken, sie hätten Recht und möchten, dass du wie sie denkst. Lass dich von ihnen nicht beeindrucken, auch wenn es Professoren sind oder Menschen, die von andern bewundert werden. Hör ihnen aufmerksam zu, aber setze in deinem Herzen jedes Mal ein grosses, zum Beispiel blaues, rotes oder gelbes Fragezeichen dazu. Spüre, ob dein Körper zufrieden ist mit den Antworten. Bleibt er warm und weich, entspannt und geschmeidig wie eine kleine Katze? Erstarrt er oder bekommt er Lust, lieber im Wald spazieren zu gehen, zu spielen oder durchs Fenster in den Himmel zu schauen? Dein Körper kann zuhören und er kann vieles verstehen. Du kannst mit ihm sprechen und ebenso ihm zuhören. Er hat dir viel zu sagen und er täuscht sich nie. Er weiss, was gut ist und was ihn zart macht wie die Flügel eines Nachtfalters. Manchmal hat er gar nicht gern, was er hört. Dann zieht er sich zurück in sein Haus wie ein Einsiedlerkrebs, der darauf wartet, bis der Spaziergänger sich entfernt hat, um sich dann wieder fröhlich im Sand zu tummeln. Wenn du auf deinen Körper hörst, wird er dir sagen, ob es gut für dich ist, was dir die Leute sagen. Du kannst sie auch anschauen, sie mit den Sinnen wahrnehmen. Wie sind sie? Wie bewegen sie sich? Wie Tiger im Urwald oder eher wie Roboter? Riechen sie gut? Sind ihre Bewegungen, ihre Gesten im Einklang mit ihren Worten oder erzählen sie eine andere Geschichte?

    Du kannst auch den Bäumen, dem Himmel, dem Wasser eines Flusses, eines Sees oder des Meeres Fragen stellen.

    Es sind Fragen, die du dir dein ganzes Leben lang immer wieder stellen wirst, und niemand kann sie dir besser beantworten als du selber, in jedem Moment deines Lebens. Was andere sagen oder denken, kann dir helfen, gewisse Dinge wahrzunehmen und zu verstehen, aber es kann dich auch verunsichern oder dich unwohl fühlen lassen. Dein Körper ist wie ein treuer Freund, der dich in grossem Masse unterstützt, wenn du ihm vertraust.

    Meine Antwort ist jeweils eine unter vielen. Ich habe nicht unbedingt Recht und diejenigen, die dir das Gegenteil erzählen, haben nicht zwangsläufig Unrecht. Eine Antwort ist wie ein Fenster zum Himmel. Wenn die Vorhänge zurückgezogen sind, siehst du ein Stück Himmel. Wenn das Fenster rund ist, siehst du ein rundes Stück Himmel, wenn es quadratisch ist, siehst du ein quadratisches, wenn das Fenster rechteckig ist, ist auch dein Himmel rechteckig. Doch wenn du nach draussen gehst, hat der Himmel keine Form mehr, er umfasst den gesamten Raum. Vielleicht lässt dich eine Antwort nach draussen gehen und du siehst den ganzen Himmel.

    Gibt es Gott?

    Es gibt eine Vorstellung, die sieht Gott als eine Art Weihnachtsmann. Man kann das glauben oder nicht. Eine andere Vorstellung ist, dass Gott wie die Luft, wie die Sonne, wie der Mond ist, und dass er überall ist, in allen Dingen, auch in allen Menschen. Er ist Leben, Schönheit, Veränderung, Tag, Nacht, Morgen- und Abenddämmerung, Farbe, Klang, Geruch, Berührung und Geschmack der Dinge. Jedes Mal, wenn du atmest, wenn du etwas siehst, hörst, berührst oder schmeckst, bist du in unmittelbarem Kontakt mit Gott, weil er überall ist. Manchmal ist er sogar in den Kirchen und Tempeln. Aber weil sie oft geschlossen sind, hat er sich entschieden, überall dort zu sein, wo Menschen sind, und sich in den Dingen zu verstecken. Er muss lachen, wenn ihn viele Leute nicht sehen, wenn sie den ganzen Tag an ihm vorbeigehen, ohne guten Tag zu sagen, ohne ihn zu berühren, ohne ihm eine Blume zu schenken, oder einen Gedanken, eine Empfindung, eine Idee, eine Intuition, ich meine damit eine Idee, die aus dem Körper kommt. Jedes Mal also, wenn du dich sehr lebendig fühlst, sensibel bist, schaust, berührst, horchst, riechst, schmeckst, ist er mit dir und freut sich, dass du ihn überall erkennst, wo auch immer er sich versteckt.

    Wo in meinem Körper ist er?

    Er ist überall, draussen und drinnen. Er hat keine Grenzen, er ist wie der Himmel. Wenn du einatmest, ist es, als ob du ein bisschen Himmel schlucken würdest. Wenn du einatmest, nimmst du Gott in dich auf. Er geht in dir spazieren. Atmen ist wie ein Gebet. Wenn du einatmest, lässt du ganz sanft deinen Bauch sich ausdehnen, lässt den Körper mit dem Atem sich bewegen, weich und geschmeidig. Und wenn du ausatmest, ist es, wie wenn Gott dir einen Besuch gemacht hätte und wieder in den Himmel zurückkehrt. Aber er kann jeden Moment wieder kommen. Indem du sanft und tief atmest, kannst du tausend Mal jeden Tag beten und in deinem Körper, der das Paradies ist, auf Reisen gehen. Deshalb hört Gott nicht auf, ihn zu besuchen. Je sanfter und länger dein Atem wird, umso lebendiger werden die Dinge, die dich umgeben. Manchmal wirst du den Eindruck bekommen, dein Körper werde sehr gross, er dehne sich aus wie in einem Märchen. Es ist, wie wenn er auf einen Freund, den du siehst, zueilen würde, um ihn schneller umarmen zu können. Er kann auf Leute zugehen oder auch auf Dinge wie ein Butterbrot, eine Tasse Schokolade. In der Luft, wenn er durch die Strassen geht, im Wasser des Meeres oder des Bades, überall wo er hingeht, trägt er etwas von Gott mit.

    Womit lässt sich unser Herz vergleichen?

    Das Herz ist wie das Leben. Es schlägt in dir, es dehnt sich aus, wenn du glücklich bist, es wird klein, wenn du traurig bist. Es ist wie ein Musikinstrument, eine Violine zum Beispiel. Wenn man sie in ihrem Kasten belässt, ohne sie zu berühren, ohne ihr bezaubernde Klänge zu entlocken, ist sie traurig. Das Herz ist das Barometer des Körpers. Du schaust auf den Zeiger und weisst, es wird schön, regnerisch oder stürmisch. Das Herz ist aber auch das, was die andern von dir wahrnehmen, das, was du ihnen gibst. Die Art und Weise, wie du sie berührst, ihnen zuhörst, sie anschaust. Wenn dein ganzer Körper weich und gelöst ist wie ein Fluss, ist es, als ob Gott aus dir herausfliesst zu den andern, und sich dann ihre Herzen öffnen und mit deinem schlagen.

    Warum ist es so klein?

    Es ist weder klein noch gross. Es kann unterschiedliche Formen annehmen, abhängig davon, was du fühlst. Wenn du dich glücklich fühlst, ist es riesig. Wenn du traurig bist, kann es winzig klein werden. Das Wichtigste dabei aber ist, dass es in Bewegung und lebendig ist, dass es sehr gross werden kann, und sich daran erinnert, wenn es klein ist. Dadurch bleibt es nie lange klein. Es ist wie eine Welle. Einmal steigt sie gegen den Himmel und überschäumt, einmal stürzt sie in den Sand, in die Tiefe des Meeres und steigt dann wieder gegen den Himmel auf. Mit dem Herzen ist es genau gleich. Wenn du es frei fliessen lassen kannst wie eine Welle, dann wird es nicht lange unten im Tal bleiben, und die Traurigkeit wird sich in Freude verwandeln, sobald es aufsteigt. Deshalb, wenn du traurig bist, schau dich um. Du wirst den Himmel sehen, den Apfel auf dem Tisch. Die vorbeifliegenden Vögel sind nicht traurig. Sie pfeifen, als ob sie mit dir spielen möchten, und sogleich beginnt die Welle deines Herzens zu steigen. Du kannst auf ihr surfen.

    Warum ist der Körper nicht wie ein Regenbogen?

    Wenn du die Bewegung, das Leben, das Pulsieren deines Herzens und deines Körpers spürst, ist es, wie wenn du, ohne dich zu rühren, am Meer sitzt und es betrachtest. Nach einiger Zeit wirst du dich plötzlich nicht mehr in deinem Körper eingesperrt fühlen. Du wirst dich so frei fühlen, dass du mit dem Meer, mit dem Himmel mitfliesst. Wenn es regnet und danach die Sonne wieder scheint, malt sich ein Regenbogen in den Himmel, manchmal sind es sogar zwei, einer über dem andern. Schau sie an und atme sanft. Auf einmal wird dein Körper in den Regenbogen getragen, er wird zum Regenbogen. Dein Körper ist wie ein Zauberer. Er kann alle Formen annehmen, er kommt überall hin, er kann sich öffnen und sich in den Himmel ausdehnen. Mit Hilfe der Einbildungskraft kann er unterschiedliche Formen annehmen, und das auch in der Realität, wenn du ihn der äusseren Welt begegnen lässt. Im Regenbogen sind sieben Farben: Violett, Indigo, Blau, Grün, Gelb, Orange, Rot. Dein Körper hat fünf Sinne, den Tastsinn, den Sehsinn, den Geschmackssinn, den Geruchssinn und den Gehörsinn. Fehlte im Regenbogen eine Farbe, wäre er nicht so schön. Wenn das Licht die Wassertropfen durchquert, strahlt es in allen Farben, nicht nur in einer oder zwei. Dein Körper wird zum Regenbogen, wenn alle Sinne sich öffnen, und du alle diese Wahrnehmungen zu einem Leuchten um dich und in dir werden lässt.

    Wozu lebe ich? Ich habe doch nichts als Sorgen.

    Leben ist wie Gehen. Du kannst dir vorstellen, dass du einen Bus erwischen möchtest. Wenn du beim Gehen in Gedanken nur beim Bus bist, der kommt, macht es dir keine Freude. Dann merkst du nicht, dass es Herbst ist, dass ein Blatt schöne Rottöne angenommen hat, dass der Himmel grau oder blau ist, wie hübsch eine Wolke geformt ist, wie gut das dürre Laub riecht, dass eine glänzende Kastanie gerade ihrer Schale entschlüpft ist. Du hörst nicht, was dein Freund sagt, der dich begleitet. Du fühlst seine Wärme nicht. Du läufst Gefahr, von einem Fahrrad umgefahren zu werden oder mit einem Herrn zusammenzustossen, der gerade seinen Hund ausführt. Wenn du gehst und deine Sinne völlig wach sind, siehst und registrierst du Hunderte von Dingen und manchmal hast du den Eindruck, du seist fröhlich, ganz einfach, weil du lebst, atmest und wahrnimmst, dass deine Beine sich harmonisch bewegen, dass deine Füsse den Boden spüren und, wenn sie aufsetzen, eine wundervolle, äusserst komplizierte Bewegung machen. Je besser du dich selber spürst, um so mehr wirst du wahrnehmen, wie schön es ist zu leben, einfach gehen zu können, einen Vogel singen zu hören, eine Kastanie zu befühlen, einen saftigen Apfel zu geniessen, die verschiedenen Nuancen einer Farbe zu sehen, die Erde zu riechen, etwas mit deinem Verstand zu begreifen. Das alles lässt den Regenbogen aus deinem Herz heraustreten. Das Leben ist dazu da, völlig lebendig zu sein. Jedes Mal, wenn du traurig bist, wenn du Kummer hast, versuche zu sehen, was um dich herum ist, und du wirst sehen, der Regenbogen ist immer noch da, wenn du nur weisst, dass du ihn sehen kannst. Es ist ein wenig wie mit Gott: Er liebt es, sich überall zu verstecken und wenn man traurig ist und sich wie am Grund eines Sodbrunnens fühlt, vergisst man, dass man den Kopf heben und den leuchtenden Himmel sehen könnte.

    Warum liebt man?

    Es ist eine natürliche Bewegung zu allem hin, das dich umgibt und dich berührt und in dir ein Gefühl entstehen lässt, das du in deinem Körper wahrnimmst. Es ist uns ein Bedürfnis, wie ein Fluss zu fliessen und zu spüren, dass in uns auch andere Flüsse fliessen. Ein Fluss, der ganz allein dahinzieht, ohne je mit einem anderen zusammenzukommen, wird in der Erde versickern, wird austrocknen. Sobald einige Regentropfen dazukommen oder du Pipi hinein machst, wird ein Bach, und sei er noch so klein, schneller laufen und mit andern Bächen zusammenfliessen. Nach und nach wird er grösser und ein Fluss werden und immer mehr Bäume umspülen. Fische und Vögel, Libellen und Boote, Verliebte und Schmetterlinge werden ihn sehen und voller Freude sein. Das Laub wird sich darin spiegeln und Leute, die traurig sind, kommen und spazieren dem Uferweg entlang, und vielleicht werden sie das Herz in den schnellen Wassern baden und leichter und mit offeneren Sinnen nach Hause zurückkehren.

    Was ist die Liebe?

    Es ist der Fluss, der in dir fliesst und sich zu andern hinbewegt. Denke niemals, dass du kein Fluss seist und dass nur die andern dir entgegenkommen und dir Freude, Vergnügen, und Zärtlichkeit bringen können. Denn, wenn du glaubst, dass dies alles nur von den andern kommen kann, bist du jedes Mal unglücklich, wenn die andern Flüsse nicht auf dich zuströmen. Es ist wunderbar zu spüren, dass du, sobald du aufgewacht bist, zu andern fliessen und ihnen Liebe schenken kannst. Du kannst auch zu Dingen fliessen. Je mehr du zu ihnen fliesst, um so mehr werden sie auf dich zufliessen. Wenn du einfach im Nichtstun verharrst und wartest, wird wenig fliessen. Einen Fluss dahinfliessen zu sehen, gibt all den kleinen Bächen einen Impuls, dass sie zu dir fliessen möchten, und auch all den andern Flüssen, dass sie von deinem Wasser kosten möchten, das einzigartig ist. Es hat nie dieselbe Farbe, nie denselben Geschmack, denn immer wieder wird es durch andere Wasser bereichert. Die Liebe macht es möglich, dich zu öffnen, und Dinge und Menschen können sich an dir wie an der Sonne wärmen. Diese sagt nicht: «Heute scheine ich nur für die Taxifahrer und die Mandarinen.» Nein, sie wärmt alle, Pflanzen, Tiere und Menschen. Sie fragt nicht danach, ob du aus China, Afrika oder Frankreich kommst, ob du eine grosse Nase oder einen dicken Hintern hast, ob du in einem schönen Haus oder in einer Holzhütte wohnst. Sie scheint für alle. Du kannst wie die Sonne oder der Mond sein.

    Wenn du möchtest, dass wir über all das weiterreden, komm mich besuchen. Wir werden dann auf einen Spaziergang gehen und uns Geschichten erzählen. Ich danke dir, dass du mir diesen schönen Brief geschickt hast.

    Alles Liebe

    Daniel



    Erschienen in YABYUM Nr.4, Oktober 2000.

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