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Abstruse Behauptungen



In München wurde eine Tantra-Messe abgesagt

Die Mitteilung, die noch Wochen später auf der Website zu lesen ist, beschränkt sich auf das Nötigste: «Lieber Besucher, liebe Besucherin, die geplanten Tantra-Tage in München finden an diesem Wochenende leider nicht statt! Vielen Dank für Ihr Verständnis.»

Am 17. und 18. Februar dieses Jahres hätte im renommierten Kultur- und Bildungszentrum Gasteig bereits zum zweiten Mal in München eine Tantra-Messe mit Vorträgen, Workshops und Video-Vorführungen stattfinden sollen. Das Interesse der Besucher und Besucherinnen an der Veranstaltung ein Jahr zuvor war überraschend gross gewesen. Ihr folgten weitere Tantra-Tage in Köln und Frankfurt am Main.

Als Attraktion immer mit dabei die Leute, die Tantra in Deutschland populär gemacht haben: Andro und Advaita Maria Bach. Dazu kamen wechselnde Ausstellerinnen und Aussteller vor allem aus der Region. In Stuttgart, wo eine Woche vor der geplanten Messe in München ebenfalls Tantra-Tage stattgefunden haben, präsentierten sich allerdings nur gerade neun Ausstellerinnen und Aussteller. Bei Preisen von DM 28.– für eine Tageskarte und DM 46.– für beide Tage ein teurer Spass für eine Verkaufsausstellung.

Doch das ist nicht der Grund, weshalb die Münchner Tantra-Tage abgesagt wurden. Zum Verhängnis geworden ist dem rührigen Veranstalter Otto Piepenburg – seine Firma Pro Expo Veranstaltungen organisiert Wochenende für Wochenende auch Esoterik-Messen in Deutschland – seine Mitgliedschaft beim Stamm Füssen Eins, wie sich eine Lebensgemeinschaft nennt mit dem öffentlichkeitsscheuen Wolfgang Wankmiller als Oberhaupt. Die Gruppierung, die 1974 gegründet wurde, soll 130 Mitglieder zählen, darunter 70 bis 80 Kinder, und arbeitet nach eigenem Bekunden an der «Verwirklichung matriarchalischer Machtstrukturen».

Ein Besucher des Stammes, selber Mitglied einer Gemeinschaft und Tantra-Lehrer, weiss über Wankmiller nur Vorteilhaftes zu berichten: «Gewiss ist er ein Führer, aber mir scheint, kein schlechter». Und er attestiert dem Mann, der 200 Kilo auf die Waage bringt: «Wolfi hat eine hohe innere Kraft und Energie und ist seinen Idealen eines Stammeslebens sehr verpflichtet.» Das Matriarchat kann offenbar warten...

Etwas anders sieht die Sache Robert Michael Schlittenbauer und seine im Januar dieses Jahres gegründete Selbsthilfegruppe Sektenausstieg Allgäu e.V.: Unermüdlich warnt sie vor Wankmiller und seiner Gruppe. Und prompt berichtete die Münchner Presse im Vorfeld der diesjährigen Tantra-Tage über Sekten, Sex und dunkle Machenschaften. Allen voran die Boulevard-Zeitung tz, die genüsslich die abstrusen Behauptungen des «Psychologen» Colin Goldner über Tantra-Gruppen zitierte: «Vielfach werden die Teilnehmer in den sektoiden Kontext der Veranstalter hineinmanipuliert.» Oder: «Die Querverbindungen zu neosatanistischen Riten sind augenfällig, in denen jede nur denkbare Form von Sexualität – einschliesslich des Umgangs mit Urin, Kot und Blut – praktiziert wird.» Der Bayerische Rundfunk doppelte mit der TV-Sendung «quer» nach, samt Goldner-Zitaten auf ihrer Website als «Themen-Hintergrund».

40 000 DM in den Sand gesetzt

Das reichte für das Aus der Tantra-Tage. Genaue Auskunft mag die Gasteig München GmbH, eine vom Kulturreferat der Stadt geförderte Institution, jedoch nicht geben. In einem Brief an YABYUM wirft sie Piepenburg nebulös «Nichteinhaltung einer wesentlichen Vertragsbedingung» vor.

Damit ist der Tantra-Szene genau das passiert, wovor sie sich immer fürchtet: AlsSekte bezeichnet oder mit einer Sekte in Verbindung gebracht zu werden. Und leistet dem indirekt noch Vorschub: Nichts, keine Gegendarstellung zu den Unterstellungen der Medien, keine Solidaritätsbekundung für Piepenburg, mit dem einige schon längere Zeit zusammengearbeitet haben und der in München gemäss eigenen Angaben 40 000 DM in den Sand gesetzt hat, aber auch keine Distanzierung von einer Gruppe, die nicht über jeden Zweifel erhaben ist.

Misstrauen und Argwohn erregten die Wankmiller-Leute mit ihrer erklärten Absicht, einen Staat im Staat oder eben einen autarken Stamm im Staat aufbauen zu wollen, aber auch ihre Versuche, staatliche Macht zu erlangen – Wankmiller, ehemals Ehrenmitglied der Jungen Union, war im Stadtrat, Piepenburg kandidierte 1990 in Füssen für das Amt des Bürgermeisters –, ihr Besitz von mittlerweile etwa 40 Häusern und ihr Netz von über 20 Firmen, zu denen neben der Pro Expo beispielsweise eine Druckerei oder die Heilpraktikerschule Likamundi gehören.

Nichts, das nicht rechtens wäre. Im Januar dieses Jahres wurde zwar ein Mitglied des Stammes wegen Kindesmissbrauchs zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Doch das Gericht hielt ausdrücklich fest, dass kein Zusammenhang zwischen den Übergriffen und der Gruppe bestehe.

Eine moderne «Hexen»-Jagd oder ist die Tantra-Szene Opfer ihrer Naivität geworden? Piepenburg jedenfalls ist zuversichtlich: Er spielt mit dem Gedanken, 2002 wieder Tantra-Tage zu veranstalten – in München. Ein regelmässiger Blick auf die Website lohnt sich.

Edi Goetschel

  • www.tantra-tage.de



    Erschienen in YABYUM Nr. 5, Mai 2001.

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